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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 70

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 Nation verlangen, daß man von einer jüdischen Nation rede oder den deutschen Juden als Glied der deutschen Nation bezeichne. Vollends wird über Zukunst und Schicksal der Juden nicht das Wörterbuch zu bestimmen haben. Ueberdies verbietet schon die Unbestimmtheit des Sprachgebrauchs, eine bestimmte Definition des Begriffs der Nation als die „richtige" zu proklamieren. Auch nachdem wir aufgehört haben, von einer Lippe'schen oder Reuß'schen Nation zu reden, was noch im Beginn des 19. Jahrhunderts durchaus geläufig war, umfaßt der Begriff der Nation Gemeinschaften, die nach den Grundlagen ihrer Einheit wie nach ihrer Struktur außerordentlich verschieden sind. Keiner der Faktoren, die als Grundlagen nationaler Einheit in Betracht kommen, weder die Gemeinsamkeit des Staates, noch die des Territoriums, weder Abstammung noch Sprache ist unerläßlich, damit wir von einer Nation reden. Nach Fortfall aller dieser vari-s irrenden Momente bleibt als konstanter, allen Nationen gemeinsamer Faktor lediglich die Einheit einer geschichtlichen Lebensgemein^ schast überhaupt und ihr Ausdruck in einem entsprechenden Gemeinschaftsbewußtsein übrig. Gewiß läßt die Form dieser Gemeinschüft sich genauer präzisieren, als es hier geschehen ist, und gegen die anderer sozialer Verbände, etwa beruflicher oder religiöser Art einigermaßen abgrenzen. Ein verwendbares Begriff aber bleibt nach Ablösung von den wechselnden Bedingungen solcher Einheit nicht mehr zurück. Keine von den verschiedenartiges Formen dieser Gemeinschaft aber hat ein höheres Recht aus den Namen der Nation als die andern^ und nur Rücksichten eines wiffenschastlich zweckmäßigen Sprachgebrauchs können dazu führen^ ihn auf Gemeinschaften von bestimmter Struktur zu beschränken. . f* An die Stelle des Suchens nach der richtigen Definition der Nation tritt nunmehr die allein fruchtbare Aufgabe, den Einfluß der verschiedenen Gemeinschaftsfaktoren auf die Bildung geschichtlicher Gemeinschaften, auf die Erhaltung ihres Zusammenhanges und die Herausblldung eigener Lebensformen festzustellen. Eine solche Untersuchung wird sicherlich bestimmte Bedingungen als die in der Regel entscheidenden und einflußreichsten fesistellen können und so zu einem „normalen" Typus nationaler Gemeinschaft gelangen. Neben diesem Typus aber besteht eine Mannigfaltigkeit verschiedener anderer Gemeinschaftssormen, deren Etnheitsbedingungen in verschiedenster Art und Weise variieren können, und so ist eS eine nicht minder wichtige Ausgabe der Forschung, die besondere Struktur der Gemeinschaft festzustellen, die bestimmter Beschaffenheit der Gemeinschaftsbedingungen entspricht. Hier muß es genügen, auf das weitverzweigte Gebiet solcher Untersuchungen hingewiesen zu haben. Von unmittelbarer Wichtigkeit für unser Thema aber ist eine Konsequenz, die sich unmittelbar aus dem Gesagten ergibt. Die Zahl der Faktoren, die als Bedingungen nationaler Einheit in Betracht kommen, ist eine ziemlich eng begrenzte. Die Mannigfaltigkeit der verschiedenen nationalen Gemeinschaftssormen beruht auf der wechselnden Gruppierung dieser Bedingungen. In zahlreichen Fällen wircken sie alle zusammen, um die Einbeit eines Ganzen zu begründen. Sprachliche, kulturelle, politische und genealogische Gemeinschaft fallen hier zusammen. Genau so häufig aber divergieren sie. Dieselbe Menschengruppe kann sprachlich und kulturell zu einer Gemeinschaft, politisch zu einer andern und zu einer dritten nach Abstammung und Geschichte gehören. Alle diese sich durchkreuzenden Verbände können dabei die Form haben und daS Gemeinschaftsbewußtsein erzeugen, die für „nationale" Einheiten charakteristisch sind. Nichts liegt in solchen Fällen näher als die Frage, welcher Nation eine derartige Menschengruppe „eigentlich" zuzurechnen sei. Es bedarf jetzt keines Beweises mehr, daß diese Frage von derselben Art ist wie die nach dem „richtigen" Begriff der Nation. Je nachdem man diesen Begriff enger oder weiter faßt, kann man mit gleichem Recht antworten: Zu keiner, zu allen oder zu einer beliebigen von ihnen. Erst wenn man sich von dieser verbalen Fragestellung befreit, treten die hinter ihr sich verbergenden sachlichen Probleme klar heraus. Sie betreffen die Wirkungen, die sich aus solcher Durchkreuzung verschiedenartiger Gemeinschaftsbeziehungen ergeben. Es gilt, die besondere Färbung und Differenzierung des sich nach den verschiedenen Seiten hin richtenden Gemeknschaftsbewußtseins zu verstehen, die Verwicklungen und eventuell die Konflikte zu erkennen, die aus der gleichzeitigen Zugehörigkeit zu mehreren derartigen Verbänden erwachsen, die Stärke und den Umfang der Bindung zu vergleichen, die durch jeden der gemeinschaftsbildenden Faktoren entsteht. Die Anwendung auf das Judentum in der Diaspora ergibt sich von selbst. Schon auf den ersten Blick ist es deutlich, daß hier ein besonders verwickelter Fall solcher Durchkreuzung verschiedener Gemeinschaftsbeziehungen vorliegt und daß durch diese Tatsache die ganze Lage des Judentum nach innen wie nach außen entscheidend bestimmt wird. Daß es für die Erkenntnis dieser überaus verwickelten Verhältnisse nicht nur vollkommen belanglos,

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