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KC-Blätter · 1913-12-01 · Heft 3 (1.12.1913) · p. Seite 58

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 3 (1.12.1913)
Date
1913-12-01
Page
Seite 58 (sequence 14)
Language
German
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58 nunmehr die Geschichte und das Wesen der konfessionellen Verbindungen um so unbefangener betrachten und an ihre kritische Würdigung herantreten. Die Wiege des konfessionellen Verbindungsprinzips find — sehen wir vom Hainbund (1772); ab, der für das studentische Leben ohne tiefere Bedeutung war — die Tendenzen der Ürburschenschaft gewesen. Gegründet durch Auf- J lösung der alten Landsmannschaft Vandalia am 12. Juni 1815 zu Jena, gelang es ihr bald, auf die akademischen Kreise Deutschlands großen Einfluß zu gewinnen und sich über fast alle- Hochschulen auszubreiten. Sehen wir von ihren - politischen Zielen ab, die bekanntlich in der Einigung Deutschlands gipfelten, so war sie bestrebt, ein' christlich-germanisches Prinzip zu entwickeln,, d. h. sie erachtete deutsches und christliches Wesen - für stammesverwandt und suchte beides durchs innige Verquickung zu fördern. Verlangte doch , die Gießner Burschenschaft, daß „die Glaubens-- lehre Christi die des deutschen Reiches sein solle!". Der Erreichung der gesteckten Ziele dienten' offizielle Besuche der Kirche und des Abendmahls ' und energische Vorkehrungen gegen das Duell-- Unwesens, endlich das Verbot aller anstößigen- Lokale, woraus sich bald ein allgemeines Keusch-- heitsprinzip entwickelte. Das Wesen der Ur-'' burschenschast war ausgesprochen protestantisch,^ trotzdem war man gegen Katholiken höchst duldsam,~ so daß gelegentliche Ausschreitungen einzelner^ gegen den Katholizismus von katholischer Seiten nicht als Störung des konfessionellen Friedens j. empfunden wurden. Juden blieb der Eintritt' verwehrt. Da die Urburschenschaft, die man im übrigens noch nicht als konfessionellen Verband ansprechen' darf, sich schon 1818 auflöste und die alsdann gestiftete Allgemeine Deutsche Burschenschaft sich recht bald von den alten christlichgermanischen Zielen ab- und allein den politischen Tendenzen zuwandteda infolge der Karlsbader Beschlüsse von 1819 selbst das politische Leben wie in Deutschland, so besonders in den Burschen-, schäften nur im Geheimen sich regen durfte: so ist es nicht verwunderlich, wenn in dieser von mystisch-romantischen Gefühlen beeinflußten Zeit bald eine Strömung Fuß faßte, die die Rückkehr zu den alten christlich-germanischen Prinzipien auf ihre Fahne geschrieben hatte. Im Jahre 1830 sammelte sich in Erlangen ein Häuflein junger Theologen, um in Abgpf.. schiedenheit vom weltlich-studentischen Treiben ein Leben voller Beschaulichkeit zu führen. Man veranstaltete Kaffeekränzchen und zog jeden Sams- *) Damals wurden die ersten Versuche gemacht, vor jeder Forderung ein Ehrengericht steigen zu lassen. - tagnachmittag nach dem nahen Dörfchen Uttenreuth hinaus. Anfangs waren studentische Abzeichen jeder Art verpönt. Als man sich aber zu einem förmlichen Bunde, dem — ersten konfessionellen — Obskurantenverein 1836 (der späteren Uttenruthia 1843) zusammenschloß, fanden im Laufe der Jahre Farben und die Sitte des Chargierens bei ihnen Einlaß. Die Lehren des Christentums betätigten sie durch völlige Duellverwerfungund strenges Keuschheitsprinzip, so daß sie sich bald zu einer „Christlichen Burschenschaft" auswuchsen. Katholiken waren anfangs gerngesehene Mitgliederauch Juden waren willkommen, wenn man von ihnen glaubte, „daß sie in bewußtem Uebergang zum Christentum begriffen seien". Die große Ausbreituug dieser Ideen führte jedoch alsbald zu einer Spaltung. Eine neue, freiere Richtung machte sich breit, die wohl christlich sein wollte, nicht aber ein entschiedenes Bekenntnis zu Christus und eine ernste Betätigung in diesem Sinne erstrebte. Auch gestattete sie ihren Mitgliedern mäßige Duellfreiheit und empfahl sogar eine tüchtige Fechtausbildung zur Verhütung von Mensuren. Zuerst fanden diese Ideen Eingang bei der Erlanger Uttenruthia, der Nachfolgerin des alten Obskurantenvereins, wiewohl es gerade hier eine starke strenge Gegenpartei gab. ' Doch die neuen Prinzipien setzten sich durch und 19 weitere Vereine schlossen sich ihr an. Da traten die vier übrig gebliebenen Vereine, die die alten Tendenzen hochhielten, zusammen, schlossen die anderen aus ihrer Gemeinschaft aus und gründeten einen neuen Verband, den Wingolf (1844).*) So hatte die strenge Richtung mit großen Verlusten gesiegt. In der Folgezeit aber versuchte die" wingolsitische Richtung in der Uttenruthia immer mehr, die Verbindung ins orthodoxe Fahrwasser zu lenken, und zwang ihr die Einführung eines Tischgebetes und Beteiligung an Armenfürsorge auf: Da entstand ein' großer Streit, die Orthodoxen traten aus und begründeten eine neue Verbindung: den Erlanger Wingolf (1850). Damit war die Spaltung zwischen dem strenggläubigen Wingolf und der freieren „Christlichen Burschenschaft" besiegelt. Jede ging bis auf den heutigen Tag ihre eigenen Wegewir wollen daher ihre weiteren Schicksale getrennt behandeln. Seine strengkonservative Gesinnung bewies der Wingolf durch sein Eintreten für die Regierung bei der Revolution von 1848 und der darauf folgenden Zeit der Reaktion. Er erfreute sich bei den Behörden größter Beliebtheit. Das *) Der Name „Wingolf" bedeutet Tempel der Freundschaft. Er findet sich zuerst bei Klopstock.

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