KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 3 (1.12.1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 56 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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56 heiligen Grabe, der in Cöln domiziliert ist, protestantische vor allem durch den Berliner Jerusalem-Verein und außerdem zahlreiche Konfessionsschulen durch die griechisch-orthodoxe, armenische und anderen kirchlichen Religionsgemeinschaften. Seit fünfzig Jahren hat auch die europäische Judenheit wesentlich an der Hebung des Schulwesens mitgearbeitet, vor allem die Alliance Israölite Universelle, dann der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin und in den letzten Jahren endlich auch ein wenig die zionistische Organisation. Von einer planmäßigen Pflege der Wissenschaft seitens der Einheimischen kann ebensowenig die Rede sein wie von einer systematischen Schulkultur. Bedeutende Leistungen weist aber auch hier die von Europa importierte Wissenschaft auf. An wissenschaftlichen Anstalten, besonders für Archäologie, sind in Jerusalem vor allem zu nennen die Ecole pratique d’ötudes bibliques der Dominikaner (feit 1870), die American school for oriental study and research in Palestine (feit 1910) und das vortreffliche von Lic. Gustav Dalman aus Leipzig gegründete Deutsch-Evangelische Institut für Altertumswissenschaft (seit 1902). Nicht unerwähnt darf bleiben die in Jerusalem begründete und in der Entwicklung befindliche Jüdische Nationalbibliothek in einem schönen Neubau in der Jaffa-Vorstadt in Jerusalem-^. Eine wahre Kunstkultur gibt es noch nicht. Und der tiefe Verfall der nach der Meinung politischer Schwärmer seit 5 Jahren plötzlich zu neuem Leben erwachten ottomanisch-mohamedanischen Kultur des türkischen Orients zeigt sich vielleicht auf keinem Gebiete greller sich darf nicht sagen: klarer), erschreckender und abschreckender als gerade aus diesem Kulturgebiet, wenn man die zahlreichen, gewissermaßen wie geologische Schichten übereinander gelagerten und speziell für die Archäologie ein unerschöpfliches Forschungsfeld bietenden kunstgeschichtlichen Epochen des heiligen Landes: die griechisch-römische, byzantinische, früharabische, die Kreuzfahrer-Epoche, die spätarabische und früh-türkische hintereinander betrachtet, und dann seit dem 16. Jahrhundert eine gänzlich unfruchtbare „kunstleere Schicht, die sich wie eine Sandschicht über die früheren fruchtbaren Schichten gelagert hat, feststellen muß! Auch hier hat erst seit einem halben Jahrhundert die europäische Kultur Wandel geschafft, besonders auf dem Gebiete der Baukunst, sowohl was zahlreiche Monumentalbauten (Kirchen, Klöster u. a.) betrifft, als auch hinsichtlich der Wohnungsästhetik und Verschönerung der Städte) besonders stark in europäischem Stil umgebaut sind Jaffa, Haifa und Jerusalem-Neustadt. Ich komme nun zuletzt zur Schilderung der Religionsverhältnisse. 4/s der Bevölkerung, etwa 550000 von den 700000 Einwohnern, sind Mohamedaner, Anhänger des Islam, der seit dem 7. Jahrhundert die herrschende Religion ist. Der Islam ist in seinen festen Bestandteilen eine unorganische Misch-Religion von Judentum und Christentum, zu denen Mohamed (übrigens an sich eine gewaltige weltgeschichtliche, wahrhaft heroische Persönlichkeit) dann als Zutaten allerlei orientalische Religionsingredienzien (Bestandteile des Parsismus, der arabischen Naturreligionen usw.) verwandte. Die Skizzierung der mohamedanischen Theologie würde wohl hier ein bißchen zu weit führen. Wer in großen Zügen die Religion des Koran kennen lernen will und den Text des Koran, von dem es eine gute und billige deutsche Uebersetzung von Ullmann (in der Reklam'schen Bibliothek) gibt, zu studieren nicht Neigung, Zeit oder Geduld genug hat, dem kann ein kleines Bändchen aus der „Morgenländischen Bücherei" (es ist das vierte) empfohlen werden, betitelt: „Der Koran" (Verfasser Erich Bischoff), welches dessen Inhalt systematisch skizziert. Neben dem orthodoxen Islam bestehen aber unter den Mohamedanern, zumal der Landbevölkerung, Reste der uralten semitischen Lokalkulte, welche unter dem Deckmantel eines Heiligenkultus toleriert werden. Interessant ist, daß unter diesen Heiligen gerade die altbiblischen Gestalten im Vordergründe stehen. Der berühmteste Heilige ist el Chadr, der nach traditioneller mohamedanischer Auffaffuug identisch mit Elias ist) außerdem werden besonders verehrt: nebi („nebi" — Prophet) Daiid lDavid), Jakub (Jakob), Semwil (Samuel) u. a. m. Die nicht-mohamedanische Bevölkerung von ca. 160000 Köpfen teilt sich in zwei fast genau gleiche Hälften — etwa 80000 Christen und 80000 Juden. Von den 80000 Christen gehört der größere Teil, etwa 50000, zur griechischen Kirche; ihr Gottesdienst wird meist in arabischer Sprache geführt) sie gelten als fanatisch, besonders ihre Mönche, die auf einer nicht sehr hohen Kulturstufe stehen. Auf einer weit höheren Stufe stehen die Römisch-Katholischen Palästinas, vor allem auch ihre Geistlichen und zahlreiche ihrer Orden, die eine bedeutende und segensreiche Arbeit, besonders in earitativer nnd kultureller Hinsicht, durch Unterhaltung von Waisenhäusern, Hospizen, Schulen und ähnlichen Anstalten leisten. Während die griechisch-orthodoxen Christen dem Patriarchen von Damaskus unterstehen, haben die römischkatholischen einen Patriarchen in Jerusalem. Im nördlichen Palästina gibt es noch alte katholische Sekten, Nestorianer, Maroniten u. a. Die protestantischen Kirchen in Palästina sind historisch aufs engste mit der Mohamedanermission verwachsen, die seit 1821 von amerikanischen Presbyterianern betrieben wird. Den Grund zu einem protestantischen Gemeindeleben legte Friedrich