KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 3 (1.12.1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 55 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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55 außerdem noch eine Reihe kleinere für den inländischen Verkehr. — Der Postverkehr mit dem Auslande wird meist durch europäische Posten vermittelt, daher auch die vielen europäischen Briefmarken, die man auf Postsendungen aus Jerusalem findet. — Telephone gibt es nicht, noch nicht. 3. Industrie und Gewerbe. Wie im ganzen ottomanischen Reich, ist auch in Palästina die Industrie bisher noch sehr wenig entwickelt. Erst im letzten Lustrum regt sich eine wahrhaft planmäßige industrielle Tätigkeit. Ganz vereinzelte industrielle Unternehmungen bestanden zwar schon lange, wie die Steinsche Maschinenfabrik in Jaffa, im Jahre 1890 gegründet und später in eine Aktiengesellschaft verwandelt. Ebenso bestand schon seit dem Mittelalter ein wenig Glasindustrie, aber auch mit ganz mittelalterlichem Betrieb, besonders in Hebron. Die zahlreichen industriellen Möglichkeiten der Zukunft, deren Realisierung (teils mit Hilfe der Produkte und Rohstoffe des Landes selbst, teils mit Hilfe importierterRohmaterialien) guteAussichten bieten, zu besprechen, ist hier nicht der Ort. Es seien nur ganz kurz die schon bestehenden Industrien zusammengefaßt. Die Montanindustrie weist auf: Asphaltgruben, Kalkbrennereien, Steinbrüche und vor allem zahlreiche Töpfereien, besonders in Gazadie landwirtschaftliche Industrie: zahlreiche Müllereigeschäfte, vielleicht die ergiebigste Industrie des Landes, Makkaronifabriken, Seidenzucht, Oel- und Seifensiedereien und Weinsabrikationdie Textilindustrie: zahlreiche Gerbereien, besonders in Jaffa und Rabulus-Sichem, Woll- und Baumwollspinnereien, Webereien, Färbereien und Schuhsabrikaüon. — Das Handwerk stand bisher ebenfalls auf einer sehr niedrigen Stufe, auf dem Lande sehr spärlich betrieben, mehr in den Städten. Die Eingeborenen machen ihre Kleider und Hausgeräte meistens selber. Unter europäischem Einfluß macht sich seit 5 — 10 Jahren in den Küstenstädten und vor allem in Jerusalem eine etwas regere und edlere Handwerkstätigkeit bemerkbar, so daß sich seit einem Jahrfünft sogar die ersten Anfänge eines planmäßigen Kunstgewerbes entwickeln- und hier darf anerkennend die im Jahre 1906 jüdischerseits gegründete und unter Leitung von Professor Boris Schatz aus Bulgarien rasch aufgeblühte Kunstgewerbeschule „Bezalel" erwähnt werden — Bezalel genannt nach dem biblischen Erbauer der Stiftshütte. III. Die geistige Kultur. Die erste Frage bei aller Schilderung geistiger Kultur ist die nach der Sprache. * Die eigentliche Landessprache und überwiegende Volkssprache ist seit dem 7. Jahrhundert, dem Eindringen der mohamedanischen Araber, das Arabische. — Beamten- und Regierungssprache ist (ebenso wie bekanntlich in Konstantinopel) das Türkische, welches nicht zur semitischen Sprachfamilie gehört, sondern zur mongolischen und dem Chinesischen näher steht als dem Hebräischen. - Außerdem sprechen die einzelnen Nattonalitäten in erfreulicher Freiheit ihre eigene Sprache, und es darf der sonst so schlechten türkisch-ottomanischen Verwaltung zum Ruhme nachgesagt werden, daß sie die Sprachfreiheit, dieses unveräußerliche und unantastbare Naturrecht des Menschen, allezeit durchaus geachtet hat! In den griechischen Klöstern hört man Griechischin den römisch-katholischen Italienischin den schwäbischen Tempelkolomen erfreuen uns deutsche Klängeals Handelssprache überwiegt das Französisch, welches auch im Verkehr mit den türkischen Behörden jetzt üblich ist. Durch die englischen Missionare wird die Kenntnis des Englischen ausgebreitet. Die eingewanderten osteuropäischen Juden, die Aschkenasim, sprechen ihren Jargon, ein leider nicht sehr liebliches Idiom, ein Mischmasch aus verdorbenem Hebräisch, Deutsch und Polnischdie Sephardim meistens Spaniolisch. Erst gelehrte europäische Juden, die seit einem halben Menschenalter in Palästina seßhaft geworden sind, suchen das echte klassische Hebräisch wieder zu bäeben und als lebendige Verkehrssprache zur Geltung zu bringen — ein ähnlicher Renaissanceprozeß, wie ihn seit 80 - 90 Jahren in Griechenland die edle alte griechische Sprache erlebt. Und es muß hier vermerkt werden, daß die sämtlichen Zeitungen, die überhaupt im Lande gedruckt werden, in hebräischer Sprache geschrieen sind, vor 1908 waren es nur zweiseit der türkischen Revolution, die etwas mehr Preßfreiheit brachte, wenigstens bis heute, sind noch einige hinzugetreten. Das Schulwesen der einheimischen Bevölkerung liegt sehr darnieder, wie ja überhaupt die geistige Kultur des Orients in den letzten 400 Jahren stets zurückgegangen und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Tiefpunkt erreicht hat. Wenn im letzten halben Jahrhundert ein langsamer Aufschwung im Schulwesen bemerkbar ist, so ist dies der zunehmenden Europäisierung Palästinas zu verdanken. Für die Mohamedaner gibt es eine höhere Realschule, etwa unserem Realgymnasium entsprechend, in Jerusalem, je eine Mittelschule in Jerusalem, Jaffa, Gaza und Hebron- und auf dem Papier des Gesetzes existiert in jedem Dorfe eine Elementarschule. — Bor allem haben die kirchlichen Vereine, Gesellschaften und Missionsinstitute in diese Schulfinsternis etwas Licht hineingetragen. Römisch-katholische Schulen werden in großer Zahl gefördert, vor allem durch den Verein vom