KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 3 (1.12.1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 52 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2268830-2268874-2268878--1022-3522724- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
52 Vas moderne Palästina. Bon Moritz de Jonge. (Schluß.) II. Das wirtschaftliche Leben. Auch hier mache ich drei kleine Unterabteilungen: 1. Landwirtschaft, 2. Handel und Verkehr, 3. Gewerbe und Industrie. 1. Die Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist außer vom Lande, vom Boden, vor allem abhängig vom Klima. Deshalb zunächst einige Worte über das Klima. Es sind drei klimatische Zonen zu unterscheiden: das subtropische, klarer vielleicht: halbtropische Küstenland, das Bergland mit kontinental-europäischem Klima und das durchaus tropische, übrigens wenig bevölkerte Jordantal, das sogenannte „Ghor". Im allgemeinen gibt es nur zwei Jahreszeiten, den völlig regenlosen Sommer und die nasse Zeit, den Wintersie folgen fast unvermittelt aufeinander. Ende Oktober beginnt die Regenzeitder Regen nimmt zu im Dezember, wird am stärksten im Januar, dem eigentlichen Regenmonat, nimmt im Februar wieder ab, und im März und April fällt nur noch relativ wenig Spätregen. Von Mitte Mai ab ist Regen eine Seltenheit- Juni, Juli, August und September sind völlig trocken, doch fällt während dieser Monate reichlicher Nachttau. Von der Menge der Regenmassen und ihrer gleichmäßigen Verteilung auf die verschiedenen für die Saat relativ wichtigen Monate hängt der ganze Ausfall der Ernte, also die ganze Landwirtschaft ab. Die - Menge der Niederschläge ist an sich nicht geringer als etwa bei unsdoch ist sie weniger wirksam, da sie in einem Sonnenlande fällt, in dem die Verdunstung stärker und deshalb auch das Bewässerungsbedürfnis stärker ist. In den Kulturzeiten Palästinas ward denn auch immer ein großes System von künstlichen Bewässerungsanlagen unterhalten (Zisternen, Teiche, Wasserleitungen, etwa wie heutzutage die Talsperren u. ä.). Und eine der vielen schweren, fundamentalen Anklagen, die gegen die faule türkischottomanische Verwaltung' erhoben werden müssen, ist die, daß sie diese Bewässerungsanlagen hat verfallen lassen, dadurch die Lebensbedingungen der palästinensischen Landwirtschaft, die an sich heute noch ebenso befriedigend sind wie nur je, verschlechtert und dadurch den wirtschaftlichen Verfall des Landes verschuldet hat. Die Temperaturen bewegen sich in starken plötzlichen Gegensätzen, indem sie im April oder Mai ganz plötzlich steigen und im November ebenso sprunghaft fallen. Ebenso sind die täglichen Temperaturschwankungen, wie meistens in Sonnenländern, sehr stark, am geringsten in dem ohnehin tropischen Gyor, dem Jordantal, sehr stark aber im westjordanischen Lande, dem Landstrich, wo die meisten Städte, von Jerusalem bis Nazareth, liegen und wo die Schwankungen im Juni und Juli an einem Tage im Schatten vielfach bis 200 Celsius betragen, in Jerusalem selbst im Sommer durchschnittlich 13 °, im Winter 8° (also für europäische Reisende nebenbei bemerkt eine Mahnung zu großer Vorsicht in der Bekleidung). Die mittlere Jahrestemperatur für Jerusalem und Umgegend ist 16° C.- die höchste bisher beobachtete war (August 1881) 44% 0 C., die niedrigste (Januar 1864) — 4°- die durchschnittlichen Monatstemperaturen für Jerusalem betragen von Januar bis Dezember: 7, 9, 10%, 15, 19, 21, 23, 23, 21%, 19, 13%, 9° C. Noch ein Wort über die Windverhältnisse. Charakteristisch für sie ist der regelmäßige Wechsel von Land- und Seewinden. Während ca. 55 Tagen herrscht Westwind, der Regen bringt, während 46 Tagen Süd- und Südwestwind und während 114 Tagen Nord- und Nordwestwind, der die Sommerhitze mildert. Die Ost- und Südwinde üben, da sie aus heißen, wasserlosen Gegenden kommen, einen verderblichen Einfluß aus. Der Südostwind, aus Arabien kommend („Scirokko"), besonders häufig im Mai und vor Beginn der Regenzeit, ist der schädlichsteer hält oft mehrere Tage an, erfüllt die Atmosphäre mit feinem Staube und treibt die Temperatur rasch bis 40° und höher. Im Alten Testament wird Palästina als das Land gepriesen, wo „Milch und Honig fließt". Und doch steht fest, daß das Land im engeren landwirtschaftlichen Sinne nie wahrhaft fruchtbar war. Aber ein Widerspruch zwischen dieser Tatsache und jenen häufig wiederholten biblischen Worten (ein Widerspruch, den hervorragende geographische Gelehrte dahin zu lösen versuchten, daß die Fruchtbarkeit nur eine relattve gewesen sei, nur in der subjektiven Vorstellung des in der Wüste anspruchslos gewordenen Hirten- und Nomadenvolkes der Israeliten bestanden habe) — ein solcher Widerspruch liegt nicht vor! Denn die Ueberfiille von Milch und Honig, von der die Bibel spricht und die in der Tat objektiv vorhanden war, bezieht sich gar nicht auf die Landwirtschaft im engeren Sinne, den Ackerbau, sondern auf die Viehzucht.(Milch) und denW einb au. Denn das hebräische„dwasch" — Honig bedeutet nicht nur Bienen-bezw. Blumenhonig, sondern auch Traubenhonig, Trauben- Syrrrp, Rebensaft, überhaupt wohl „Fruchtsaft", wie wir heute sagen würden. Es sollte also das Land durch jene biblische „Ettkette" als ein Land charakterisiert werden, welches für Viehzucht