KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 3 (1.12.1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 51 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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51 auch ohne weiteres verständlich. Die Geisteskultur der russischen Juden erstreckt sich über den Bereich des Religiösen kaum hinaus. Die Liedmelodien, deren Texte auch großenteils religiös sind, werden nun höchst wahrscheinlich von den herumziehenden Händlern im Verkehr mit den Umwohnenden gelernt und ost mit neuen Texten versehen. Wie dem aber im einzelnen sei, — soviel ist sicher: es gibt keine jüdische musikalische Volkskultur von wesentlicher Bedeutung, deren „starke Krast" Mahler „unverfälscht zusammenfassen" könnte. Er miißte also höchstens eine eigene „jüdische Volksmusik" geschaffen Habens das hat aber noch niemand behauptet. Damit wären die Ausführungen des Herrn Ehlers über das „Rassen- und Volksproblem in der Musik" wohl hinreichend besprochen, und ich möchte nur noch eine Bemerkung anfügen: Ueber die Juden, denen es eine Beleidigung ist, wenn man ihnen sagt, sie seien Juden, lohnt es sich nicht, so viele Worte zu machen, Herr Ehlers! 3. Was ist nun aber dieWahrheit? Die angeführten antisemitischen Auslassungen sind jedenfalls, wie wir sahen, nichts als Phrasen. In welchen Volkskulturkreis das Mahlersche Werk zu rechnen ist, kann nach dem Vorangegangenen nicht mehr zweifelhaft sein, und ich glaube, es genügt, ein paar Worte Paul Stefans anzuführen x): „Von früher Jugend an in der Nachfolge Beethovens und Wagners erwachsen, ein Schüler Goethes, Schopenhauers und der deutschen Romantik, geht er alsbald den Weg der deutschen Musik, der am gewissesten zum Herzen des Deutschtums führt. Bruckner steht am Ausgang und das deutsche Volkslied trägt ihn. Immer wieder bewcgen sich seine Werke in christlich-allvergottenden und in volkstümlich-deutschen Bahnen. ' Wo ein leitender Gedanke mit ihnen wächst, ist es der stolze Gedanke der deutschen Philosophie. Am schönsten und deutlichsten offenbart sich das in seiner Achten Sinfonie, die ohne jede Kirchlichkeit, in freiester Deutung, von einer alten hymnischen Anrufung des heiligen Geistes ausgeht und ihn, den Geist der Liebe, mit den tiefen Worten des zweiten Faust über jeden Erdenrest siegen läßt. Wer dieses große Lebenswerk, von den ersten volkstümlichen Liedern bis zu den Erneuerungen der sinfonischen Kunst, einreihen will, wird es nur in das Werden der deutschen Musik aufnehmen, aus deutscher Musik ist es, Keim um Keim, hervorgegangen, den Ruhm und die befruchtende Macht der deutschen Musik wird es mehren." ‘) vgl. Paul Stefan, Gustav Mahler, 4. Auflage Miinchen 1911, S. 20. Ist mit dieser Eingliederung des Mahlerschen Schaffens, also auch des fraglichen Werkes, in den musikalischen Besitzstand des deutschen Volkes über die ganze Frage nun schon erledigt? Ist damit vor allem die Rassenfrage völlig abaetan? Stefan zwar will von einem jüdischen Raffenproblem überhaupt nichts wiffen. Er sieht auch als Agens der Raffe nur ein Geistiges an: die Raffenidee, und die ist allerdings in den heutigen mittel- und westeuropäischen Juden nicht mehr lebendig. So meint er, das Jüdische sei ein „Residuum, physisch nachweisbar, geistig zu vernachlässigen". Das ist m. E. jedoch nicht ganz richtig, insofern als man tatsächlich auch bei den heutigen Juden noch gewisse psychische Erscheinungen findet, die mit ihrer Abstammung Zusammenhängennur sind sie nicht stark genug, eine besondere kulturelle Eigenart auszubilden. Diese Ansicht wird gerade für das musikalische Gebiet und im besonderen für Mahler auch in zwei Aufsätzen von Richard Batka und Oskar Bie *) vertreten und ist dort näher begründet. Batka sieht eine gewisse „Unrast, die Vorliebe für grelle Kontraste, die heftig gestikulierende Rythmik, die flackernde oder fanatische Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks" bei Mahler als jüdisch an- „sein Verhältnis zur deutschen Volksmusik ist ein Verhältnis nicht des ruhigen, natürlichen Besitzes, sondern der heißen Sehnsucht. Und ebenso wird man sein künstlerisches Wesen am besten fassen". In seinen Sinfonien sei ein „wildes Ringen, fast unter Krämpfen" erkennbar. Dennoch aber sei alles dies nur Akzidenz, nur „Färbung". Und diese jüdische Färbung, betont Batka ausdrücklich, sei keineswegs für „die anderen Deutschen" etwas 'Fremdes, sondern „das Menschliche darin können wir alle Mitempfinden". Ganz ebenso äußert sich auch Oskar Bie in seinem Artikel, dessen Schlußworte in ihrer knappen Konzentration noch hier stehen mögen: „Die jüdischen Komponisten haben weniger Sinfonien geschrieben als Opern. Wenn man will, ist das Misch. Aber die größten Opernkomponisten waren keine Juden. Was soll das? Und Mahler hat nun gerade nur Sinfonien gemacht. Es ist ein Kreis, aus dem man nicht herauskommt, weil man Akzidenzien als prinzipiell behandeln möchte. Es gibt kein Judentum in der Musik, nur einige jüdische Tränen oder ein Lachen oder ein starker Griff — aber das gehört der Menschheit." - * * -il) „DaS Jüdische bei Gustav Mahles, Kunstwart, 2. Juliheft 1910. a) „Die Rassefrage in der Musik", Konzerttaschenbuch von Gutmann, 6. Jahrgang.