KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 3 (1.12.1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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48 damit sei der Schleier eines bisher undurchdringlichen Geheimnisses gelüftet, eine tiefe Weisheit liege in diesen mystischen Worten. Woher soll er denn etwas von dem „rythmischen Geist" wissen? Er merkt nur, es klingt sehr gelehrt und „tiefgründig", und entnimmt daraus gläubig, daß Mahler keine deutschen Texte komponieren kann, weil er Jude ist. In Wirklichkeit aber sind die mystischen Sätze nichts als hohle Phrasen (deshalb wirken sie ja auch gerade), mit denen gründlich aufgeräumt werden muß. Zunächst: was ist „rytymischer Geist der deutschen Sprache"? Es können das nur die Prinzipien sein, nach denen man in der deutschen Sprache durch stärkere oder schwächere Betonung und verschiedene Zeitdauer das größere oder geringere Gewicht der Vokale bezw. Silben verteitt. Derartige Prinzipien, wenn auch nicht bewußt, befolgen die Deutschen bereits in -er „Umgangssprache", wir finden sie stilisiert in -er Rede- und Dichtkunst, und die im Einzelfalle vorliegende „Silbengravitation" aufzudecken, ist . die Hauptaufgabe der „Deklamation". Deutsche Worte und Sätze deklamieren — in diesem allgemeinen Sinne — muß nicht nur der deutsche Redner, Schauspieler und Sänger, sondern natürlich auch der Dichter und der (Vokal-) Komponist können. Faffen wir Ehlers' Frage danach einfacher so heißt sie: „Wie, wenn Mahler als Semit nicht deutsche Verse deklamieren könnte"? DieseFrage befreuldet—auch den Unbefangenen— weit mehr als die oben genannte, und nach kurzer Ueberleaung wird man die Möglichkeit einer solchen Annahme glatt von der Hand weisen. Die Frage des DeklamaLionsvermögens im allgemeinen ist eine Frage der Beherrschung der Sprache, und das wird auch Herr Ehlers nicht behaupten wollen, daß Gustav Mahler, der, im deutschen Sprachgebiet geboren, von Kindheit an deutsch gesprochen hat, eine deutsche Schule und ein deutsches Konservatorium besucht und etwa drei Jahrzehnte fast ausschließlich an deutschen Theatern deutsche Opern dirigiert hat, nicht die deutsche Sprache beherrscht hat wie nur einer. Daran ändert alles Semitentum nichts. Nein, nur ein ganz spezieller Vorwurf wäre möglich, daß nämlich Mahler seinen Text musikalisch nicht gut deklamiert, d. h. daß seine musikalische Rythmik sich mit der Silbengravitation der Worte nicht deckt. Aber auch der trifft nicht zu. Selbst wenn nämlich Mahlers musikalische Deklamation nicht gut wäre, befände er sich damit in ausgezeichneterGesellschast:nebenanderendeutschen Opernkomponisten vor allem Webers, von dem ein gewiffer Richard Wagner sagte*): „Nie. hat ein deutscherer Musiker gelebt als du!" Dieser „wahre Deutschs deÄamierte: *) in der Grabrede am 14. Dezember 1844. ^„Diirch die Wälder, durch die Auen / Was meint Herr Ehlers hierzu? Und was meint er vollends, wenn ich das von ihm selbst ohne Erläuterung zitierte „Neige, neige" , des „Juden" Mahler als Musterbeispiel einer untadelhaften musikalischen Deklamation deutscher Worte der schlechten Stelle des „Deutschen" Weber gegenüberstelle, — und sogar noch bitte, daraus zu achten, daß auch Mahlers Melodielinie dem Tonfall des gesprochenen Wortes besser entspricht? X. \ 7 \ y ' \ „Neige, neige, du Ohnegleiche, dn Strahlenreiche.. Ich denke, die Widerlegung Herrn Ehlers ist ausreichend, und ich will nur wiederum seine Art kennzeichnen, wenn ich anmerke, daß er einen Vorwurf wie den oben zitterten als Frage so aufwirst, daß der Leser die unzweideuttge Antwort heraushört: Ja, es ist auch so! obwohl Ehlers selbst sie nicht ausdrücklich beantwortet, sondern lediglich mit einem „Sollte das wirklich der Fall sein..." fortführt, ohne noch einmaldarauf zurückzukommen, ob es „der Fall ist". — Nicht ohne Grund habe ich Herrn Ehlers an dieser Stelle so eingehend zu widerlegen gesucht. Das Zitat der beiden „Faust"-Stellen und die von mir erwähnten Aeußerungen dazu find das einzige, was Ehlers unmittelbar gegen das „Jüdisch-Fremde" in der Sinfonie vorbringt, ganz haltloses Gerede, das nun, anstatt im Einzelnen begründet zu werden, umgekehrt ohne Grund noch weiter verallgemeinert wird: „. . . Erkennten wir aber die Richtigkeit . . an (Nb. die Antwort „ja" ist auch hier wieder stillschweigend angenommen), so wäre es uns auch erlaubt» das uns Fremde im Wesen der ganzen Musik ebenfalls mit dem Begriffe des Semiüsmus zu erläutern." Selbst das ist nur wieder gefabelt - denn es fällt in Wirklichkeit in der Folge auch nicht ein einziges Wort mehr, um ein semittfches Merkmal an Mahlers Musik aufzuzeigen, sei es auch nur in negativem Sinne. Das Ganze also ist, wie man sieht, ein Kartenhaus grundloser Hypothesen, aufgebaut auf einer ganz persönlichen Abneigung — oder, wenn man will, nur Indifferenz — gegenüber Mahlers Musik unter Zuhilfenahme einer Dosis verkappten Anttsemitismus. Schreibt nun Herr 36. oder 2). so etwas, so fragt niemand danachwird dergleichen aber *) / bedeutet mittelschwere, \ schwere, /\ besonders schwere (synkopierte) Silben, während leichte Silben ungezeichnet sind. Die Kurve zeichnet den Verlauf der Melodie.