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KC-Blätter · 1913-12-01 · Heft 3 (1.12.1913) · p. Seite 46

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 3 (1.12.1913)
Date
1913-12-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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46 mit uns streiten oder doch für uns und unsere Sache der Wahrheit Sympathie bekunden. Und wir brauchen Ausrichtung — wir gestehen es — vielleicht eher und mehr, als es jetzt den Anschein hat. Wir haben das Urteil im Beilißprozeß gelesen. Zuerst mit der Freude des Aufatmens, dann bei näherem Zusehen mit steigender Befürchtung. Wcr wissen nicht, was sich im Geschworenenzimmer zu Kiew abgespielt hat. Und wir wären still und würden uns dem Spruch, der dort gefällt wurde, ruhig beugen, wenn — ja wenn wir eines haben könnten: Vertrauen zur Justiz dieses Landes. Unbekümmert um die Art seines Zustandekommens, lesen wir das Urteil, wie es eben vorliegt. Und was sagt es deutlich? Ein glänzendes, schlagendes Beispiel der derb-schlauen Diplomatenkünste russischer Regierungsmänner ist es. Die Entrüstung in Europa und Amerika bei allen Gebildeten war doch zu groß, ihr Abscheu und ihre Verachtung zu allgemein, als daß selbst 'der breite, harte Buckel des „Mütterchens Rußland" soviel hätte ertragen können. Zudem wer kannte die Folgen, wenn Beiliß verurteilt wurde? „Wohl brauchen die draußen in Europa und Amerika — so sagte sich russische Staatsraison — unser reiches Land. Aber wir brauchen auch? sie. Wenn Kokowzow, der russische Ministerpräsident, seine Geschäftsreise nach dem Westen antritt, könnte er vielleicht doch von dem einen Uder anderen, dessen Geld oder freundliche Beziehung vonnöten ist, allzu scheel angesehen werden. Darum — wird Beiliß freigesprochen! So find wir Russen wieder salonfähig Aber unsere „Schwarzen Hundert", die sich so willig führen lassen, wenn es immer wieder gilt, die unbequemen, verachteten, verhaßten Juden zu dezimieren, sollen auch ihren Brocken haben. Dmttrm der andere Satz des Urteils: Juden sind die Mörder! Und in diesem Satzgefüge ist auch ein verstecktes Plätzchen für den Ritualmord. Da kann der Tanz bald wieder losgehen. Das neue Wunder von Kiew wird wieder weithin aufleuchten: der grelle blutrote Schein über dem heiligen Justizgebäude der alten Bischofsstadt!" Ein raffinierter Schachzug, der mit dem bekannten Rezept arbeitet: oaluruniars audactsr, sempsr aliquid haeret. Immer tüchtig Verleumdung auf Verleumdung gehäuft, irgend etwas muß daran sein, sagen schließlich die Menschen. Ja, es gibt nun einmal eine Maffensuggestion, die kann hier verderblich genug wirken. Immer und immer wieder diese infame i Beschuldigung, dann sind am Ende selbst die Gutgläubigen gefangen und befangen. Nicht nur unsere Pflicht der Selbstverteidigung des Judentums gebietet hier Wachsamkeit, energische Abwehr. Unsere Menfchenpsiicht verlangt mit Macht, daß wir dem Treiben „Antisems" Einfalt tun. Auf die gemeinen, im wahren Sinne )es Wortes tierischen Instinkte des Menschen spekuliert diese niedrigste Sorte des Antisemitismus. Der rüttelt die Bestie im Menschen wieder wach, daß sie Blut wittert, an Blutgedanken und -Vorstellungen sich berauscht und erhitzt, bis am Ende das Blut unschuldiger Juden ihr Mütchen kühlt. Darum die wahnwitzigen Ritualmordfabeln! Hat aber darum die Zivilisation ihr Werk in schwerer, mühseliger Arbeit aufgerichtet? So fragen wir. Und hier wiederholen wir das Kaiserwort: „Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter!" Noch ist der grelle Schein nicht gewichen, der in fahlem Glanz blutigrot über dem Justizpalast von Kiew leuchtet! Wann wird er verschwinden? — * * * Gustav Mahlers MI. Sinfonie. Ein Beitrag zum Kapitel „Raffe-Bolk-Kultur" von Arthur Wolfgang, Breslau. Um Jrrtümer über den Zweck dieses Aussatzes nicht aufkommen zu lassen, sei folgendes vorausgeschickt. Es ist nicht meine Absicht, Gustav Mahlers Sinfonie eingehend zu würdigen. Dazu ist m. E. weder jetzt schon die Zeit gekommen noch auch hier der geeignete Platz. Ich will vielmehr nur von einer besonderen Eigenschaft des Werkes sprechen, aber diese Spezialbetrachtung wird andererseits gerade die Erörterung ganz allgemeiner Begriffe wie Raffe, Volk und Kultur mit sich bringen. Der Endzweck meiner Arbeit ist Abwehr, ist Verteidigung des Meisters — denn das war er — gegen ungerechtfertigte Angriffe. Früher schon, im besonderen aber nach der Uraufführung der VIII. Sinfonie (am 12. September 1910 im' Münchner Ausstellungszirkus) begründete ein Teil der deutschen Kritikerschaft seine Abneigung gegen Mahlers Musik damit, daß er Jude sei und zwischen ihm und den anderen — den „Germanen" — die „Raffe eine unübersteigbare Trennungswand aufrichte". Als ich die betreffenden Artikel samt den nicht ausbleibenden Erwiderungen damals las, merkte ich bald die Unhaltbarkeit der Angriffe, sah aber zugleich auch die Unzulänglichkeit der Abweisungen und nahm mir vor, sobald ich es könnte, die letzteren zu ergänzen. Heute meine ich, es zu können. Nach langem, eingehendstem Studium der Partitur habe ich jetzt auch Gelegenheit gehabt, die Sinfonie unter den denkbar günstigsten Verhältniffen zweimal zu hören: in durchaus guter Ausführung

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