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KC-Blätter · 1913-10-01 · Heft 1 (1.10.1913) · p. Seite 11

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 1 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11 Wesenserhaltung. Von stud. iur. Hans Rosenthal (Sie.), Bernburg. Wenn diese Blätter hinaus ins Land kommen, werden viele junge deutsche Juden in die Zeit eingetreten sein, die vielleicht die sorgensreieste und schönste ihres Lebens bilden wird, in ihre Muluszeit. Ihnen sollen in erster Linie diese Zeilen gelten. Sorgenfrei nannte ich das Leben der zwischen Pennälerleben und akademischem Leben hangenden Muli, und doch verläßt wohl kaum der eine Gedanke den jungen Menschen in dieser seligen, für mich jetzt ein Semester zurückliegenden Zeit: wie kann ich mein akademisches Leben so einrichten, daß es meinem ganzen Wesen entspricht, daß es in vollem Maße meine Individualität befriedigt? Und da erhebt sich zunächst die eine große Frage: Aktivität oder Freistudententum? In' dem Aprilheft der K. C.-Blätter hat Kartellbruder Hahn die allgemeine Lösung dieser Frage versucht, er hat gezeigt, wie Freundschaft, allgemeine Bildung, jugendfrische Romanttk des Studentenlebens und last not least Arbeitsfreudigkeit gerade im Korporationsleben gedeihen, und daß eine jede gute Korporatton somit auf Charakter und Gemüt des jungen Studenten eine heilsame Wirkung ausübt. Außer diesen allgemeinen Vorzügen der Aktivität kommen aber für den jüdischen Akademiker noch wesentlich andere zwingende Gründe hinzu. Trotz der auf dem Papiere stehenden Gleichberechtigung aller Staatsbürger werden wir heute immer noch in unserer Stellung als Juden Zurücksetzungen und Kränkungen unterworfen, die wohl jedem bekannt sind. Daher ist unsere §ugehörigkeit zum Judentum von einschneidender Bedeutung für unser Verhältnis nach außen. Die Versuche, das jüdische Problem zu lösen, zwingen also auch den, der jüdischer Art und jüdischem Leben bis dahin innerlich fremd und indifferent gegenüberstand, in dieser Frage Partei zu ergreifen. Und Partei ergreifen, heißt für uns junge Studenten, sich einem Verbände anschließen, der die jüdische Frage nach unserer persönlichen Ueberzeugung am richtigsten löst. Denn auch die stärkste Persönlichkeit kann, allein auf sich gestellt, heute kaum einen entscheidenden Einfluß auf diesem Gebiete ausübensie muß gestützt auf ein in sich geschlossenes Ganze wirken und so die Ereignisse nach ihrem Sinne zu beeinflussen suchen. Wenn der Mulus diese Argumente gewissenhaft geprüft und sich zur Parteinahme, d. h. zur Aktivität entschlossen hat, hat er die verschiedenen Verbände zu prüfen, die auf ihre Weise zur Lösung der jüdischen Frage Stellung nehmen. Er wird untersuchen, wessen Tendenz am besten seinem Wesen entspricht, aus seiner ganzen Individualität heraus muß er an diese Frage herantreten. Und diese Stellungnahme soll und darf nicht erfolgen ohne gewissenhafte Prüfung seines eignen Ms, ohne sorgfältige Untersuchung, auf welche Bestandteile sich fein Wesen gründet. „Man muß den Mut haben, zu werden, was man ist", rief neulich ein zionisttscher Agitator in München aus, und freudig stimmen wir K.C.er ihm darin bei, wenn wir auch gerade von diesem Gesichtspunkte aus zu ganz anderen Folgerungen gelangen wie er. Was sind wir? Woraus setzt sich unser Wesen zusammen? Immer und immer wieder müssen wir uns diese Frage vorlegen. Denn nicht bequemer Opportunitätsstandpunkt, sondern der brennende, heiße Wunsch, unserm innersten Wesen gerecht zu werden, muß der in erster Linie leitende, für uns maßgebende Gesichtspunkt für die Lösung der uns alle so tief berührenden Frage fein. Gehen wir also an die Prüfung unseres Wesens muttg heran! Da . werden wir finden, daß sich unsere Persönlichkeit aus zwei Wesenseinheiten zusammensetzt, aus Deutschtum und Judentum, die sich in uns zu harmonischer Geschlossenheit verbinden können und verbinden. Ich bin überzeugt, ich werde von vielen die Antwort bekommen: ich habe mich vom jüdischen Wesen emanzipiert, mir hat das Judentum nichts mehr zu sagen. Offen gestanden, auch ich habe in meiner Primanerzeit mehr als einmal so gesprochen, bis ich endlich einmal zu einer sorgfälttgen Prüfung meines Jchs gekommen bin. Da habe ich gefunden, wie ttef in mir die jüdische Seele schlummerte, da habe ich erkannt, wie so vieles in uns jüdischesJnnenleben,jüdisches Wesen ist. Es genügt, wenn ich hier auf das vorbildliche Familiengefühl Hinweise, oder etwa auf die tiefe Bewegung, die wir bei der so gemütvollen Feier des Freitagabends empfinden, alles ausgeprägt jüdische Seiten an uns, die uns umso lieber werden,je mehr wir uns mit ihnen vertraut machen. Und nun wollen wir uns entscheiden: sollen wir, um nur ja alle Unterschiede zu verwischen, dieses wertvolle jüdische in uns bedingungsloser Assimilatton preisgeben oder sollen wir im stolzen Bewußtsein seines Wertes dieses jüdische Wesen pflegen und erhalten? Vom moralischen Standpunkte aus wird diese Frage leicht zu beantworten sein. Ueberall macht sich jetzt infolge der zuerst vom K. C. vertretenen Bestrebungen nach einer Zeit würdeloser Selbstverachtung eine Zeit freudigen jüdischen Stolzes bemerkbar, allenthalben sind

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