Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1913-10-01 · Heft 1 (1.10.1913) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 1 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268874-2268876--0962-3522662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 Stunde erfordern möge". Im Ganzen aber hat man auf dem Kongreß nicht den Versuch gemacht, den tiefen Gegensatz, der die Politischen von den Praktischen trennt, zu verschleiern. Von der Banksrage, die gleich zu behandeln sein wird, abgesehen, hat der Kongreß sich mit Entschiedenheit zum praktischen Zionismus bekannt. Die Synthese ist ein frommer Wunsch oder tönende Phraseologie derjenigen geblieben die die taktische Einheit über alles setzen. Und der praktische Zionismus mag nicht zum wenigsten deshalb die Stimme so vieler auf dem Kongreß erhalten haben, weil der politische ganz offenbar so gut wie nichts hat erreichen können. Darüber helfen auch geheimnisvolle Andeutungen, die manche Redner gemacht haben, wie gleich zu Beginn seiner Rede Professor Marburg, und die mit stürmischem, nicht enden wollendem Jubel begrüßt worden sind, nicht hinweg. Wie will man von einen Erfolge des politischen Zionismus sprechen, so lange es ihm noch nicht einmal gelungen ist, die öffentlich rechtlichen Beschränkungen in P a l ä st in a zu beseitigen, die in anderen Ländern, insbesondere in denen Westeuropas, schon jahrzehntelang und noch länger jüdischer Betätigung nicht mehr entgegenstehen! Die rote Karte und die Unmöglichkeit des Landerwerbs in Palästina für Ausländer hat der Zionismus in dem Lande, in dem er Souveränitätsrechte besitzen wollte, bis heute nicht ausmerzen können. Die Schwäche des politischen Zionismus hat sich auch bei den großen Verschiebungen auf dem Balkan offenbart, die vom zionistischen Standpunkte aus gesehen, wohl die günstigste Gelegenheit zum Eingreifen geboten hätten. Diese grundlegenden Veränderungen der Balkankarte mit ihren weittragenden, heute in ihrem Umfange noch nicht einmal zu übersehenden Einwirkungen auch auf das asiatische Gebiet der Türkei hat den Zionismus, wenigstens so weit das nach außen hin in die Erscheinung getreten ist, untätig, und ganz sicher ohne Erfolg gesehen. Und wenn man jemals der Meinung sein konnte, es könne der Zionismus von der Türkei Souveränitäts- oder auch nur Hoheitsrechtein Palästina erwerben, so muß diese Meinung um so mehr schwinden, je mehr die Türkei wieder zum asiatischen Staat wird. Damit tritt die Konzentration ihrer Interessen aufas i atisch emGebiete, an den alten biblischen und vorzeitlichen Kulturstädten in Bagdad, am Tigris, in Syrien und in Palästina wieder ein. Die judenseindlichen Araber sind ein Machtfaktor geworden, der zu schlimmen Befürchtungen Anlaß gibt. Und die Türkei, die sich anschickt, sich nach innen zu reformieren und nach Asien hin zu sammeln, wird viel weniger geneigt sein, Rechtstitel auf ihr gehörige Gebiete aufzugeben, als die noch im Vorjahre mit großem europäischen Landbesitz ausgestattete Hohe Pforte, deren Augenmerk in den ganzen verflossenen Jahrhunderten immer mehr auf die Wahrung ihres europäischen Besitzstandes gerichtet war und deren Politik immer mehr nach Westen als nach Osten ging. Dazu kommt ein weiteres Moment, auf das die Aufmerksamkeit noch zu wenig gelenkt worden ist. Auch die christliche, insbesondere die katholische Mission wird in den kommenden Jahrzehnten viel stärker als bisher sich Palästinas annehmen. Auf dem Metzer Katholikentag hat es Erzberger als eine besondere Aufgabe der deutschen Katholiken bezeichnet, neben der Mission in China, insbesondere auch die in Palästina zu fördern,' man braucht die Gedankenreihe nicht sehr weit auszuspinnen, um sich zu sagen, daß hier der Keim zu Konflikten liegt, bei denen, so wie die Dinge heute liegen, der Zionismus und das Judentum wohl der unterliegende Teil sein müßten. Als besondere Machtmittel für die zionistische Bewegung hatte Her^l die finanziellen Institute geschaffen. In ihnen sah er die zukünftigen Träger nicht allein zionistischer Wirtschaftspolitik, sondern auch die klingenden Instrumente, mit denen die Erwerbung der Souveränitätsrechte über Palästina mehr oder minder nachdrücklich durchgesetzt werden könnte, und es ist erklärlich, daß in diesen finanziellen Instituten und ihren Leitungen der politische Gedanke am stärksten nachwirkt. Darum hat denn auch die jetzige Leitung der zionistischen Bewegung, die sich im engeren Aktionskomitee verkörpert, naturgemäß den Wunsch gehabt, enger, als dies zurzeit der Fall ist, mit den finanziellen Instituten der Parteien verknüpft zu sein und sie hat bei Beginn des Kongresses in starken und scharfen Worten (Hantle) die Leitung über die finanziellen Institute für sich beansprucht. Während auf der anderen Seite die Vertreter des politischen Zionismus in der Person des Bankvorsitzenden Wolffsohn in nicht minder starken Wendungen es abgelehnt haben, der derzeitigen Leitung einen weitergehenden Einfluß auf die finanziellen Institute, den Nationalfonds und die Bank, einzuräumen. Während die Praktischen auf der Wiener- Tagung in allen übrigen Fragen einen vollen Erfolg' erzielt haben, haben sie in der Frage der Leitung der Bank vollkommen nachgegeben. Die um Wolffsohn sind in dieser Frage unbestrittene Sieger gebliebenob sie sich ihres Sieges lange freuen werden, muß dahingestellt bleibendenn es wird erneut immer die Frage aufgeworfen werden, ob es möglich ist, eine große Bewegung zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.