KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 1 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 der sich den Existenzbedingungen des moralischen Sumpfes anpassen kann. Infolgedessen bietet heute die Zusammensetzung der politischen Führerschaft der Deutschen in Oesterreich ein geradezu trostloses Bild. Es kann garnicht bezweifelt werden, daß die Tschechen und in noch viel höherem Maße die Polen und Ungarn weit tüchtigere Politiker besitzen, als die Deutschen, also gerade jene Völker, bei denen der Antisemitismus im politischen Leben eine geringere Rolle spielt. Zwar gibt es auch unter den Deutschen noch einige Politiker von bedeutenderer Persönlichkeit, wie z. B. der Abgeordnete Dr. Otto Lecher. Aber diese besten Köpfe des Parlamentes spielen politisch gar keine Rolle. Herrschend ist der Typus des geistig mittelmäßigen und moralisch bedenkenlosen Provinzadvokaten oder des Schriftleiters eines deutsch-nationalen Blättchens, der gewöhnlich ein verbummelter Student ist. Die wirkliche deutsche Intelligenz, deren Vertreter das österreichische Parlament in früheren Zeiten zu einer klassischen Stätte hoher politischer Bildung und Beredsamkeit machten, sind heute von der parlamentarischen Betätigung noch viel strenger ausgeschlossen, als die Juden. Von den Juden kann doch hie und da einer in einem stark jüdischen Wahlkreis durchrutschen. — Wo aber existiert in Deutsch-Oesterreich ein Wahlkreis, in welchem heute ein Anastasius Grün (Graf Auersperg), Unger, Carneri, Eduard Sueß usw. gewählt werden könnte, die in früheren Zeiten dem österreichischen Parlamentarismus unvergänglichen Glanz verliehen? Auch heute sind Männer dieses Schlages nicht ausgestorbendie Gestalten eines Franz Klein, Max Burkhard u. a. reichen wohl an sie heran. Aber der Zustand des öffentlichen Lebens schaltet sie von jeder Möglichkeit erfolgreicher Führerschaft aus. Im Gegensatz hierzu finden sich bei Slaven und Magyaren noch manche kräftige und höherstehende politische Eigenarten, obschon auch diese Völker ebenfalls eine gewisse Herabdrückung des politischen Niveaus zu verzeichnen haben. Daß aber ihre Führer den Leitern der deutsch-österreichischen Politik weit überlegen sind, kann nicht bestritten werden und klingt nicht selten auch aus den Erörterungen, die in der Presse über die nationalen Mißerfolge der Deutschen gepflogen werden, hervor. „arbeiten und nicht verzweifeln!" Bon Or. Alfred Goldschmidt-Berlin (Viadrinae). Eine gewisse Depression macht sich auf allen möglichen Gebieten geltend — nicht bloß bei uns. Es geht allen nicht schnell genug vorwärts — in der großen Politik wie bei den jüdischen Organisationen. Das Reich steht nach außen hin glänzend da, aber an innerer Kultur sind wir nur langsam gewachsen. So ist es zu erklären, daß gelegentlich — nicht etwa nur aus rein militärischem Kreise — der Wunsch nach einem „srischen, fröhlichen Kriege" auftauchen konnte, der die Gemüter aus der Tiefe des täglichen Einerleis zu großen Leidenschaften, zu großen Opfern, zu großen Handlungen emporrisse. Man vernimmt oie Stimmen der Unzufriedenheit nicht bloß bei den Sozialdemokraten, die die Volksseele durch Massen- und Partialstreiks ein bißchen zum Kochen bringen wollen, man vernimmt sie bei den Zionisten, ber denen sich eine „politische Opposition" gebildet hat, der bei dem bisherigen Wege das Ziel nicht fest genug ins Auge gefaßt zu sein scheint, sie fehlen auch bei uns nicht. Solch' lähmende Empfindungen aber müssen überwunden werden, wenn sie uns nicht herabdrücken sollen. Verzweifelte Stimmen fragen: Was hat sich denn eigentlich in 27 Jahren langen Kampfes gebessert? Sind wir denn überhaupt nennenswert vorwärts gekommen? Noch immer werden wir auf allen Gebieten zurückgedrängt, von der Regierung und der Gesellschaft deklassiert. Da ist es wohl Zeit, einmal daran zu erinnern, wie es vor dem Beginn des Kampfes bei uns ausgesehen hat. Zu Beginn der antisemitischen Hetze wüste „Volksversammlungen mit den unglaublichsten Beschimpfungen, tägliche Presseangriffe, nicht etwa nur in den rein antisemitischen Zeitungen. In Breslau hatte am Anfang der 80 er Jahre die katholische „Schlesische Volkszeitung" einen Hetzartikelreiaen eröffnet mit der Überschrift: „Der jüdische Referendar." Weiterhin: häufige Beschimpfungen auf öffentticher Straße, in öffentlichen Lokalen und nur gelegentliche vereinzelte Gegenwehr, milde Gerichtsurteile für die Beleidiger, Forderung, von Ausnahmegesetzen firr die Juden. Man werfe einen Blick auf Oesterreich, auf die österreichische Studentenschaft mit. ihren „Waidhofener Beschlüssen" und vergegenwärttge sich, daß auch in Deutschland der Versuch gemacht wurde, jüdische Studenten ehrlos zu machen, indemmanihnen dieSatisfaktionsfähigkeit absprach. Auf jüdischer Seite war eine ungeheure Verschüchterung in den ersten Zeiten der antisemittschen Bewegung': keine jüdische Volksversammlung setzte ein. Man getraute sich nicht, einen öffentlichen Protest zu erheben, man glaubte, sich durch einen Protest höchstens lächerlich zu machen. Und nun vergleiche man damit einmal die Gegenwart, auch wenn man ihr noch so viel Uevles nachzusagen berechttgt ist. Eine große studentische Organisation ist im K. C. erstanden.