KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 1 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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den Wahlen eine sehr große Nollebekanntlich gibt es eine Reihe überwiegend jüdischer Wahlbezirke und sogar eine Gruppe nationaljüdischer Abgeordneter aus Galizien. Bei den Deutschen liegen in politischer Beziehung die Verhältnisse für die Juden jedenfalls am ungünstigsten, obwohl andererseits, entsprechend dem höheren Kulturstande der Bevölkerung, antisemitische Agitationen weniger leicht zu Ausschreitungen führen, als bei der leichtgläubigen slavischen Landbevölkerung. Ueberhaupt hat sich bei den Deutschen ziemlich allgemein jene schon früher charakterisierte Form des nichtantisemitischen Antisemitismus herausgebildet. Die deutschen Politiker wollen zwar nicht auf das antisemitische Prinzip verzichten, um die Konkurrenz mit den radikaleren Gruppen bestehen zu können, in der Praxis aber schieben sie ihn so weit als möglich in den Hintergrund und hören am liebsten nicht davon reden. Speziell die Wiener Christlich-Sozialen, die ihren glänzenden AuMeg der Zugkraft der antisemitischen Phrase zu danken haben, sind lebhaft bemüht, unauffällig die Juden zu versöhnen und an sich heranzuziehen, schon Or. Lueger hat in den letzten Lebensjahren die Rolle eines väterlichen Beschützers der „braven", nämlich der nicktsozialdemokratischen Juden gespielt und jede Gelegenheit benützt, um Versöhnung zu predigen. Auch seine Nachfolger arbeiten in dieser Richtung, der jetzige Bürgermeister, Exzellenz Dr. Weiskirchner, hat sich sogar in seinem früheren Wirkungskreis als Handelsminister bei der jüdischen Großindustrie und baute finance außerordentlich beliebt gemacht, so daß er sein Ziel eines hochdotierten Bankpräsidentenposten wohl erreicht hätte, wenn nicht bei den letzten Wahlen der christlich-soziale Krach dazwischen gekommen wäre. Für die Verhältniffe bezeichnend ist, daß vor einigen Jahren eine führende Persönlichkeit der Wiener Christlich-Sozialen an einen Repräsentanten der Wiener Judenschaft herantrat und ihm einen förmlichen Pakt anbot, wonach die antisemitische Agitation ganz aufhören solle, ja sogar jüdische Beamte bei der Gemeinde Wien angestellt und befördert werden sollten, falls nur die Juden hiefür den Sozialdemokraten keine Unterstützung mehr zukommen lassen würden. Das Angebot wurde abgelehnt, weil der Vertreter der Juden erklärte, daß weder er noch sonst jemand irgendeine Verpflichtung für die Juden übernehmen könne, die eben gewohnt seien, nack ihrem eigenen Kopf zu handeln. Bei den verschiedenen deutsch-nationalen Gruppen liegen die Verhältniffe ähnlich, selbst alldeutsche Abgeordnete radikalster Richtung gehören zu den ständigen und gut bezahlten Mitarbeitern der vielgehaßten „Judenblütter", in denen sie ihre Beiträge unter vollem Namen veröffentlichen. Während aber diese deklarierten Antisemiten ihr Programm praktisch verleugnen, sucht der Obmann des Nationalverbandes, vr. Gustav Groß, welcher auch Obmann der offiziell nichtantisemitischen Fortschrittspartei ist, sich hin und wieder mit kleinen Abschweifungen ins Antisemitische interessant zu machen. Der Antisemitismus in Oesterreich ist heute vollständig versumpft. So klagen die wenigen prinzipientreuen Antisemiten. Dies ist gewiß richtig. Gerade deswegen aber ist es fast unmöglich, ihn politisch zu bekämpfen. Wo man hinschlägt ist Luft, und keiner will es gewesen sein. Zu diesem Zustande haben am meisten die großen Wiener Tagesblätter, die ganz von Juden geschrieben werden, beigetragen. Es ist gänzlich unmöglich, in diesen Blättern irgend etwas zur Bekämpfung des Antisemitismus oder des Raffenstandpunktes überhaupt zu veröffentlichen. Es ließen sich unglaubliche Belege dazu anführen, wie weit die Feigheit dieser Blätter geht. Andererseits ist ihr Einfluß auf die allgemeine Politik noch immer groß, da die deutsch-nationale Preffe mit ganz wenigen Ausnahmen ein Bild hilflosester Unfähigkeit bietet. Die einzigen wirklichen Antisemiten sind die Juden, von denen jeder Einzelne nicht müde wird, seinen Sarkasmus gegen das Judentum zu richten oder auf die Juden zu schimpfen. Mit unübertroffener Realistik hat kürzlich Artur Schnitzler im „Professor Bernhardt" das Bild dieser Juden gezeichnet, welche stets, wenn irgend ein Jude als solcher verfolgt oder bedroht wird, sich sofort seinen Gegnern anschließen, um ja nur die eigene „Unparteilichkeit" zu beweisen. Es ist begreiflich, daß die Wiener Judenschaft sich durch dieses Stück tief getroffen fühlte und großentells das klerikalen Motiven entspringende Zensurverbot laut billigte, indem sie gleichzeitig die Taktlosigkeit des Juden Schnitzler, sich mit solchen Fragen zu befassen, tadelte. Es war notwendig, dieses österreichische Milieu mit einigen Strichen zu zeichnen, um den Einfluß des Antisemitismus auf das Deutschtum besser würdigen zu können. — Gewiß hat der Fortfall der jüdischen Mitarbeiter in der Politik die deutsche Sache schwer geschädigt, hierin kommt aber noch lange nicht der ganze verderbliche Einfluß des Antisemitismus zur Erscheinung. Noch größer ist seine Folgewirkung der Herabdrückung des ganzen moralischen Niveaus unserer Politik, die Verröberung aller politischen Ziele und Mittel und ie Durchsetzung des öffentlichen Lebens mit Unaufrichtigkeit. Hiedurch ist die Auslese der polittschen Führer eine höchst ungünstige ge- % worden. Nur jener hat Aussicht auf Erfolg,