KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 9 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 179 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Seite 53—54): „Unterwegs unterhielt ich mich mit Bloch. Er wollte sich ein 5Ur geben und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sah. das; ich ganz anderer Meinung war, so sattelte er auch um. Wir sprachen viel von Seelenwauderung, von Geiger und dem Judentum, ttnd er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! als wenn man nicht treife essen und doch ein guter Jude fein könnte. Ich sagte ihm dies, unb in der Tat, ich glaube, ich bin einer der bestell Jllden, die es giebt, ohne auf das Zeremonialgeset; zu achten. Ich könnte wie jener Jude in Blllwers „Leila" mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst das Schasfot nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindlichen Träumen nachhänge, so ist immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden, tritt den Waffen in der Hand, sie selbständig zu machen." Die Eltern Lassalles besuchten an jedem Sabbath den Tempel, indem der liberale Dr. Geiger predigte, welcher selbst zu den intimsten Freunden des Lassalle'schen Hauses gehörte. Lassalle begleitet seine Eltern oft in den Tempel und die Geigerschen Predigten machten einen tiefen Eindruck auf ihn (vgl. 8. Febrnar Seite (>0—01 ). In der Angelegenheit der Verlobung feiner Schwester Fridericke zeigt der fünfzehnjährige Junge mit vollkommener Poesielosigkeit die Gewandtheit eines handwerksmäßigen Schadchens. (Vgl. Tagebuch zum 6. Februar Seite 50). Lasalle spielt tagsüber mld macht allerlei kleine Geschäftchen : in der Schule ist er vorlaut und faul, die Unterschriften der Eltern unter den Zeugnissen fälscht er, (vgl. Tagebuch vom 28. Februar Seite 66—67) und unter seine natürlich schlechten Zensuren schreibt er „Wahrheit und Dichtung."(!) Seine besten Freunde waren die Gebrüder Saimtcl und Isidor Gerstenberg, welch letzterer später in London Kanzler der Bonsholders-Gesellschaft war und das erste Kabel zwischen Dover und Calais herstellte. Lassalles äußere Schicksale auf der Handelsschule in Leipzig nahmen alsbald einen ähnlichen Verlauf wie in Breslau, indem er mit Lehrerit und Pensionseltern zerfiel. Leidenschaft' licher als je regt sich in ihm der kampfesmutige Jude, als er die Berichte über die Juden in Damaskus liest. (Vgl. Seite 205); indes; der künft'ge Lassalle gibt sich auch schon hier in tuice zu erkennen : an der Lektüre von Börne und Heine entzünden sich seine schlummernden politischen Instinkte (vgl. Seite 204); er will den Völkern die Freiheit verkünden, daß die Fürsten der Erde klappern sollen, und sollte er im Versuche untergehen (vgl. Tagebuch 200)! „lieberHaupt tut es mir leid, daß ich nicht weiter studiert habe. Es ist mir jetzt klar geworden, daß ich Schriftsteller werden will. Ja. ich will hintreten vor das deutsche Volk rmd vor alle Völker und mir glühenden Worten ztlm Kampf für die Freiheit auffordern. Ich will nicht erschrecken vor denr drohenden Augen zucken der Fürsten, ich will urrch nicht bestechen lassen von Bändern und Titeln, um ein zweiter Judas die Sache der Freiheit zu verraten. Nein, ich will nicht eher ruhen, bis sie bleich werden vor Furcht. Von Paris ans. dem Lande derFreiheit,will ich wie Borne das Wort zu allen Völkern der Erde schicken, und alle Fürsten sollen Zähneklappern und einsehen, ihre Zeit ist gekommen. Und doch, welche Hindernisse habe ich mir nicht selbst m den Weg gestellt! Wie werden meine Widersacher höhnen über den entlaufenen Handlungsdiener. der die Elle mit der Feder vertauscht. Selbst meine Anhänger werden Furcht haben, sich mir anzuvertrauen, und „Haltdlungsdiener, Ellenreiter" wird es aus allen Ecken zischen. Aber mit den Thronen müssen attch die Vorurteile brechen, und der Handlungsdiener wird ihnen Worte reden, daß sie ver« sttlmmen." Jnnner fester wird so in ihm der. Gedanke, das Studiuln wieder aufzunehmen. Tie Handelsschule und die kaufmännische Zukunft werden ihm verhaßt, und nach'Rücksprache mit seinem Vater ist er entschlossen, sich dem publizistischen Fache zu widntetl. (Vgl. Tagebuch 3.55—3:57.) Im Sommer 184! kehrte Lassalle dann nach Breslau zurück, um zu Ostern 1842 nach bestandeitem Abiturientenexamen als 17 jähriger die Universität seiner Vaterstadt zu beziehen. Von Osterm 1842 bis Ostern 1814 studiert Lassalle vier Semester ans der Breslauer Universität, von 1844 bis 45 zwei weitere in Berlin. Rudolf von Gottschall erzählt aus feiner Erinnerung von dem jungen Studenten Lassalle mit dem feinen griechischen Profil und der kecken Selbstgewißheit seines Auftretens. daß derselbe bereits damals mit allen Begriffen auf das leichteste Fangball spielte. Lassalle wurde in Breslau Mitglied der Burschenschaft der Raczeks. Tie Breslauer Burschenschaft hatte damals ein gelehrtes Kränzchen, von denn auch ein Journal im Manuskript herausgegeben ward. Lassalle lieferte für dasselbe die philosophischen Artikel. Der 18 jährige Jüngling schlug sein wanderndes Kalheder im Kißlingschen Bieikeller auf, wo er bis tief in die Nacht hinein philosophische Dialoge hielt. Auch geriet er hier alsbald in einen akademischen Konflikt: der Professor Branis; an der Breslauer Universität machte nämlich in eitlem Kolleg Ausfälle auf die damals bei der Jugend beliebte Feuerbach'sche Philosophie. Die Anhänger Feuerbachs unterbrachen dabei den Vortrag durch Scharren mit den Füßen; da nun dieseDemonstration in der Zeitung durch einen Studenten eine Kritik, und Braniß somit einen Verteidiger fand, wurde dieser Student vor das Tribunal einer verbotenen Stlldentenversammlung