KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 9 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 178 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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178 flossenen Jahrhnuverts und uah dem Einflüsse der Jude» Emauzipcwou ans die politische und geistige Geschichte des Zeitalters und umgekehrt zu beantworten ist; denn nicht zufällig sind es zwei deutsch jüdische Gelehrte gewesen, welche durch Ihre geistige Arbeit und politische Aktion die sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Deuschland und in Europa ausgelöst haben, — Karl Marx und Ferdinand Lassalle. Nachdem nämlich die Ideen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts das Werk der Judenemanzipation vorbereitet, die französische Revolution und die napoleonische Gesetzgebung dieselbe verwirklicht, diese letztere sich auch in den übrigen Staaten Eingang verschafft harte, war es nach der Niederwerfung des napoleonischen Kaiserreichs Aufgabe des Zeitalters der Restauration. sich mit der Jndenemanzipation abzusinden; je mehr der Staat an die alten Mächte in Gesellschaft und Kirche wiederanknüpfle. desto feindlicher äußerten sich die Wirkungen hiervon gegenüber der Judenemanppation. Die nicht ausbleibende Folge war. daß die Tendenzen des ganz oder halb emanzipierten Judentums sich den neugekrastigten historischen Gewalten verneineltd und auflösend cntgegenstellteu. Da die bisher durch das jahrhundertelange Ghetto Geknechteten der» Lichte der Freiheit zustrebten und mit Eifer die Gedanken der Aufklärung und der politischen Befreiung in sich aufnahmen. schlugen sie, mit Dogmen nicht belastet, was ihre Weltanschauung anlangt, rasch in das äußerste Extrem, in Atheismus und Materialismus um. und auf politischem Gebiete konnten und wollten sie, da sie ihre historische Vergangenheit abtaten und abtnn wollten, den historischen Gewalten keinen sonderlichen Respekt entgegenbringen. Und so hat denn auch die deutsche Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts diese emanzipierten jüdischen Elemente in ihren kräftigsten und eigentümlichsten Vertretern z. B. in Heine, Börne, Moses Heß. R!arx und Lassalle auf den Wegen des Radikalismus gesunden. Da ferner in dem Mißgefühl, daß hinter der erstrebten rechtlichen Emanzipation trotz des wirtschaftlichen uub kulturellen Aufstieges die soziale noch weit genug zurückgeblieben war. eine Quelle stets innerer Opposition für die deutschen Juden lag, so konnte es nicht fehlen, daß aus diesen» Lager in der Revolutionszeit der dreißiger und vierziger Jahre eine große Anzahl von "Rekruten der Revolutionsst'nnmuttg gestellt wurde. Daß überhaupt durch die "Auseinandersetzung der modernen liberalen Ideen von einer allgemeinen staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit mit der damaligen Doktrin vom christlichen Charakter des Staates die Judenfrage nicht zu lösen war. hatten, wie die Geschichtsschreibung mit Recht betont, damals bereits Tieferblickende erkannt. Bruno Bauer lehrte in seinen 1813 erschienenen Abhandlungen über die Judensrage etwa folgendes: solange der Staat christlich und die Juden jüdisch seien, leien beide ebensowenig fähig, die Emanzipation zu verleihen als zu eknpsangen; die Deutschen müßl. n sich selbst emanzipieren, ehe sie andere emanzipiere» könnten, die Emanzipation von der Religion sei die Vorbedingung sowohl für den Juden, der politisch emanzipiert sein wolle, als auch für den Staat, der enranzipieren und selbst auch emanzipiert sein wolle. Karl Marx, der die unlösliche Verflechtung der scheinbar nur politisch religiösen Frage mit den wirtschaftlichen Grundbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft behauptete, schrcüu hierüber, daß die bürgerliche Gesellschaft aus ihren eigenen Eingeweiden fortwährend den Juden erzeuge, d. h. für ihn den Kapitalisten, die Emanzipation vom Gelde sei die Emanzipation vorn sogenannten Judentum uub damit die Selbst manzipation unserer Zeit. Was Marx hier das reale empirische Wesen des Judentums nennt, erfüllte immerh u die Sphäre, aus welcher der junge Lassalle heraus^ wachsen lst. Daß wir in diese Sphäre einen Blick tun können, hat uns Lassalle selbst durch die Hinterlassung eines in den Jahren 13-10—11 als In jähriger Junge geführten Tagebuchs' errnöglichr, in das um Lafsalles Jugendzeit, seine Familie und ihren jüdischen Bekanntenkreis kennen zu lernen, ein kurzer Blick geworfen werden soll: Lassalle, noch nicht 15 Jahre alt. tft Sekundaner ans dem Magdalenengymnasinm in Breslau, alle möglichen Widerwärtigkeilen machen ihn» den Aufenthalt irr seiner Vaterstadt ru'.I-.i ä ch. ec selbst bestimmt seinen Vater dazu, ihn cm me Handelsschule nach Leipz'g zu schicken. wohur er sich im Mai 1810 begibl; hier erkennt er nä hrend seines einjährigen Aufenthalts als Handel'fchüler die Unmöglichkeit, Kanflnann zu werderr. und feine Zukunft in der agitatorischen Tät'gkc-it es Wissensschafters. Ec weiß feinen Barer mielmim zu bewegen, die unterbrochenen Gymnasial studien wieder aufzunehmcn, nur sich der Wissenschaft zu widmen. DaS Tagebuch behandelt demgemäß das letzte Vierteljahr seiner regelmäßigen Gymnasialstudien in Breslau und die Episode der Handelsschule in Leipzig. Wie Paul Lindau, der H.aunsgeber des Tagebuches. (Nord und Süd, Bd. 57) m der Einleitung mit Recht sagt, ist Ferdinand Lassalle nur aus der Mitte des provinziellen Judentums heraus, so wie er es selbst schildert, überhaupt erst vollkommen zu begreifen. Lassalle fühlt ganz jüdisch und gehört zu den kampfeslustigen, tatkräftigen Juden, die die Schmach ihres Volkes tief empfinden, und trägt den Wunsch in der Tiefe seines Herzens, mit dem Schwerte in der Hand gegen die Verfolger aufzustehen. Man höre Lassalle nur selbst in seinem Tagebuch zum 2. Februar 1840 (vgl.