KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 9 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 173 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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173 ohne Spinoza zu verehren, 511 lieben und ganz der seine zu werdeu". Und in seinen Mieden über die Religion, diesem Werk, daß die protestantische Theologie des 10. Jahrhunderts anfs tiefste beeinflußt bat, und daß man s. Z. als „verworrenen Spinozismus" charakterisiert hat, bricht Schleiermacher in die enthusiastischen Worte aus: „Opfert mit mir eine Locke den Manen des heiligen Spinoza, ihn dnrchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war fein Anfang und Ende, das Universum seine einzige ewige Liebe". Spinoza wird Übergefiihrt in den deutschen Geist. Wiederum ist es llicht zufällig, das; hier im spekulativen Idealismus jüdischer Geist und deutscher Geist zu tieferer Gemeinschaft sich verschnu'lzen, den;; es ist die andere Seite des jüdischen Geistes, die hier Gewalt gewinnt: Sein Einheitsstreben, das alles auf Gott beziehen, alles Einzelne von Gott abhängig machen will. Wie Spinoza im Geiste der jüdischen Religions- Philosophie des Mittelalters alle Dinge ans Gott ableiten wollte, so Fichte, Schelling und Hegel Natur uub Geist aus dem Wesen des Absoluten. Gleich der Bibel wird Spinoza zmn Wesensbestandteil deutscheil Geistes. Spinoza wird ebenso als delltsch empfnllden wie Shakespeare. Es ist bekannt, welchen Einflllß bei aller Wesensverschiedenheit Spinoza mif Goethe allsgeübt hat. Goethe selbst sagt, uni bei aller Verschiedenheit die Wesellsverivandschaft zu betonen: „Geist uub Herz, Verstand und Sum suchten sich mit notwendiger Wahlverwandschaft, und dllrch diese kam die Vereinigung der verschiedensten Wesen znstallde." 9! 0 t iv e n d i g e W a h l v e r lv a n d t s ch a f t: das ist der Schicksalsspruch, der über deiltschem mld jüdischem Geist schwebt, ltub wenn wir heute Spillvza lefeu und erleben, so erleben wir ihn ä travers Goethe. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Wendung zum Realisllms erfolgt. ^Naturwissenschaft und Technik haben aus dem Volk der Dichter und Denker ein Volk von königlichen Kallfteuten genmcht. Was die Jndell hierfür bedeutet haben, das zll erörtern gehört llicht zll meiner Ausgabe. Es ist allch genllgsaill befannt. Aber eins möchte ich doch nicht llilerwähllt tnffen. Die spezifisch deutsche Art der Wissenschaft, die besonders in den Geisteswissenschaften zutage tritt, finden wir gerade bei den jüdischen Gelehrten in ausgeprägtester Weise. Deutsche Art der Geisteswissenschaften nellne ich jene Art der Behandlung und Gestaltung der Wissellschaft, die sich nicht begnügt mit einem Anhüufen von Tatsachen, sondern die letzte spekulative Gesichtspunkte aufsucht itnb eine philosophische Verarbeitung des wissenschaftlichen Materials anstrebt. In solcher Weise ist, um nur einige wenige Beispiele zu neilnen, Steinthal verfahren, der auf Paulsen und auf den Pfarrerssohn Glogau eilien -tief nad)n>irfenben Einfluß ausgeübt hat, Steinthal, der mit Lazarus zusammen die Disziplin der Völkerpsychologie geschaffen hat. Ich erinnere ferner an Ludwig Traub. der die Philologie des mittelalterlichen Latein begründet hat, ait eine.lt Mann ivie Julius Dppert, der als Jude ill Dentschlaltd feine Stellung bekam, nach Paris gilig tind dort als einer der ersten die assyrischen Keilinschriften ent.'.inerte und die Disziplin der Assyriologie luitU'gritubcu half. Ich erinnere — einerlei, wie man sich zu ihm stellt — alt Mar.r, der für die Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts die große prinzipielle Welldling bedeutet. Ich erinnere an die Gebrüder Bernays, die für die alte und neuere Philologie Epocheimtcheltdes geleistet haben. Und ich erinnere an einen Mann wie Benfey, den Begründer der vergleichenden Märchenforschung. Ich erinnere an Lassalle, den Verfasser der Werke über Heraklit tutd über das „System der erworberten Rechte", schließlich alt einen philosophisch so tiefgebildeten Juristen ivie Iellinek. Das sind nur willkürlich heransgerissene Beispiele von Jndell, derelt lvisseitschaftliche Leistungen in dem spezifisch deutschen Weifte der Wissenschaft gehalten sind. Solche Leistnllgen lassen sich nicht ntchr auf üllßere Anpassung zur ückführen. Vor solchert Leistultgeil miiffen alle Anktäsfungen verstnlnllten, mit denen sstlfallsd. ntsche sich gegen Itldeit wenden, die dent iunei 1 ten Herzen und dem Geiste nach Deutsche. finb. 9lber dalllit ist das Verhältnis deutschen Geisteslebens zu den Illdeit nolh nicht erschöpft. Die Juden haben nicht nur dem deutschen Geistesleben sllbstanzbildende Aträftc zugeführt. Die Iltdeit siltd auch gleichzeitig die Zirkulationsvrgalle des deittschen (Geistesleben, die Mittler, die Verntittler. 9lit sich ist das etwas durchaus Wertvolles, ist es etwas, ohne das das deutsche Geistesleben gar nicht anskommen könnte. Hier aber nun setzt ein schwerer Voriourf ein. Man sagt, diese Art der Vermiltlnug ist das einzige, was eigelltlich jüdischer Geist (elften kann, und man hebt alls der unübersehbaren Fülle der Leistungen ltur eilte eiltzige heraus: die journalistische Leistullg der Juden. Man behauptet, nur die Arbeit des Iournalislelt ist die dem jüdischen Geiste angeluessene: lvorans man dann eilte llnznlänglichkeit jüdischeil (Geistes überhaupt folgert. 'Nult ist au sich die Tätigkeit dieser leichter geschilrzteu Geister, die vom Tage und für ben Tag arbeiten, durchaus notwendig und ehrenvoll. Aber mau tut ihllen Unrecht, wenn man ihre Arbeiten mit denen der Gelehrtelt vergleicht. Und das geschieht, wenn man die Leistungen jüdischer Journalisten etwa mit deneil