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KC-Blätter · 1912-06-01 · Heft 9 (1.6.1912) · p. Seite 172

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 9 (1.6.1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 172 (sequence 8)
Language
German
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172 Uchen Verstände aus, von dem sogenannten gesunden Arenschenverstande aus Welt, Leben, Politik und Gesellschaft um zu organisieren. Und jetzt im 16. Jahrhundert, in der Bildungsepoche der Aufklärung haben wir nicht nur den burri) die Bibel indirekt lvirkeudeu Einfluß des jüdischen Geistes, nein, jetzt treten zum ersten Mal geistesgebielende, jüdische Menschen gebend und nehmend in die deutsche Geistesgeschichte ein. Ich nenne zuerst den Freund Lessings und Kants: Moses Mendelssohn. Ihn bezeichnet Zeller in seiner Geschichte der deutschen Philosophie" als „den edelsten Bertreter der deutschen Aufklänuigsphilosophie". Mendelssohn hat das Beste seines Wesens lind der deutschen Aufklärung in unzugänglichen Schriften niedergelegt, in Schriften, in denen zum ersten Mal die deutsche Sprache ein geschmeidiges Werkzeug des philosophischen Gedankens geworden ist. Wenn man darall denkt, daß Ulan bis irr die Mitte des 16. Jahrhunderts hinein es für lnlmäglich hielt, in deutscher Sprache philosophische Gedanken zum Allsdruck zu bringen, daß ein Leibuiz in einer besollderen Schrift verlangte, man solle doch versuchen, in deutscher Sprache zil schreibell, ja. daß Lessing mit dem Gedanken gespielt hat, Laokoon' in französischer Sprache zu schreiben, weil er glaubte, daß nur die französische Sprache sich eigne für Knappheit der Darstellung, für Klarheit der Gedankell, bann muß mau es geradezu als ein nativllnles Ereigllis bezeichllell, daß es Meildelssohli ivar, der die delltsche Sprache für die schlvierigell Gegellställde der höchsten Betrachtllngen wieder venvendet hat. Und ivie ist Sprache und Stil Mendelssohns bewulldert wordeli voll feiner Zeit! Kant hat den Allsspruch getan: Wenil die Muse der Philosophie sich eine Sprache erkiesen würde, so würde sie die Sprache Melldelssohns wählen. Und nun setzt, nachdem die deutsche Aufklärung die Masserl erfaßt hat, die lleberiviildlmg der Allskllirnilg durch Kant ein. Kant bebentet ilichtuur, daß eine neue Schulphilosophie zur Geltung kommt, Kant bedeutet ein nationales Ereigllis des dentscheil Geisten. Kant bedeutet die Gedallkelllvett Schillers. Kant bedeutet die sittliche Begeisterllllg der Freiheitskriege, Kant bedelltet, daß zum ersten Mal der deutsche Geist den philosophischen Weltfllig llillllllt. Ulld lver mären die ersten Alihänger, die Freunde, die Belkiinder Kants? Inden umreit es! Markus Hertz, Friedländer, Bendavid; Salomon Maimoll, ein armer eingewanderter polnischer Jude, ist von Kant selbst als der bedeutendste und verständnisvollste unter allen seinen Kritikern anerkannt worden. Saloman Maimon war es, der die Entivicklung zu Fichte angebahnt hat. Und Schleiermacher uuuijt einmal die Bemerkung, daß am Anfang des 10. Jahrhunderts jeder fünfte jüdische Familienvater. Kantianer war. Und als dann in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts der Ruf laut wurde, zurück zu Kant! — um sich vor dem Materialismus zu retten —, da war es wiederum ein Jude, unser alluerehrter Hernmlln Eohen, der die geniale Neullnd Nachschöpfung Ätantifdicr Gedanken vvrgenommeu hat, ulld der Kmit wieder zu eiuenl Lebeilselelneut des deutschell Geistes in der zlveitell Hälfte des 10. Jahrhunderts gelimcht hat. Ist es Zllfatt, daß Kant llnd die Juden so eng mitciitanber verknüpft find? Ist es Zllfatt, daß der größte der deiltschen Philosophen einen so begeisterten Widerhall, ein solches Verständnis bei beu Inden gefunden hat? Es ist kein Zufall, denn in beit tieferen Zusammenhängen des Geistes gibt es feinen Zufall und gibt es nicht das. was man beliebt, als änfjere Assimilation zu bezeichllell. Zllfall ist es nicht, sondern innerste Berwalldtschaft des Kan tischen Geistes mit dem jüdischen Geiste. Hinter dem rein Technischen der Kantischen Philosophie liegt der gleiche Urgedailke der Menschheit, der im alten Testament uild feinen Propheten zum ersten Mal in voller Macht sich offenbart hat: Tie sittliche Idee. In der sittlichen Idee, in der Pflicht, in der Gerechtigkeit fiinbet sich der tiefste göttliche Kerngehalt des Ulliverstlllls. Die kosmische Bedeutung des Ethischen: in diesem Gedanken liegt die innere Verbindung zwischen Kant und dem Judentum. Ans dem gleichen ethischen Spiritualismus stammt bei beiden die Schätzllllg der sittlichen Persönlichkeit als des höchstell Wertes der Wirklichkeit. „Das tnoralische Genie unter den Völkern", so hat Nietzsche die Juden genannt, nrld man kann sagen, Kant ist das moralische Genie unter den Philosophen. Eine innersteWahlverwandtschast liegt hier vor, eine Wahlverwandtschaft, die gleichzeitig jüdischen Geist lind deutschen Geist in mlanslöstichster Verknüpfung zeig!. Ulld mm geht die geistige Bewegung wiederum einen Schritt weiter, denn i^cift und Kultur ist Unruhe, ist schöpferische Entwicklung. Es kvlNlllt die Epoche der Wommitif und mit ihr der spekulative Jdealisnuts eines Fichte. Schelling llnd Hegel. Dieser spekulative Idealismus gilt als „deutsche" Philosophie im anszeichnendsteu Sinne des Wortes. Ulld Romantik Ulld spekulativer Idealismus stehen unter der Einwirkung eines geistesgewaltigen Inden. Spinoza ist es, der hier zn neuem Leben erwacht, er, der über ein Jahrhundert wie „ein toter Hund" behandelt worden ist, wird jetzt gefeiert, erkannt, und nicht llur erkanllt, er wird geschätzt, verehrt, geliebt. Schlegel schreibt einmal: „In der Tat, ich begreife kaum, wie man ein Dichter sein kann,

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