KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 9 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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171 Erlebnisse, die in ursprünglichen Geistern zum ersten Male sich offenbart haben und die bann als dauernd nach wirkende Bildungsmotive in der Allgemeinheit bewußt oder unbewußt rvirksam gewesen sind. Nur diese Frage zu beantworten, muß man auf die einzelnen deutschen Bildungsepochen eingehen. Die deutschen Bildnngse'pochen muh man daraufhin anfehen, was Juden und jüdischer Geist ihnen an Substanzen zugeführt haben. llud da ist nun folgendes zu sagen: die. erste deutsche Bildungsepoche ist das theologische Zeitalter. Theologisches Zeitalter bedeutet nicht, daß jeder einzelne Theologie treibt, sondern, das; alles, was die Menschen jener Zeit tun und treiben, direkt oder iubiveft auf Theologie Bezug hat, das; jeder in seinen: iunerftcu Erleben, in seinem intellektuellen Schaffen zu dem theologischen Problem Stellung nimmt. Wie in Italien, in England, in Frankreich die Renaissance es ist. mit der die ''Reuzeit beginnt, so ist eS in Deutschland das religiöse. Problem, die Reformation, mit der die Neuzeit anhebt. Einen Shakespeare mns; man ans der Renaissance zu verstehen suchen, einen Klopstok hingegen, einen Lessing, einen Herder, einen Jfaut und einen Fichte, diese deutschen Mällner sind nur zu begreifen ans der Reformation, sind nur zu begreifen anS dem Grnnderlebnis Luthers. Und was hat dieses Grnnderlebnis LntherS ansgelöst? liehet nach WormS. dort steht der mächtige Mann und hält in der Hand wie einen Schal; ein Buch, und dieses Auch ist — die Bibel! Wir Inden haben dem deutschen Geiste die Bibel gegeben — damit allein schon ha bei: wir das geistige HeimatSrecht in Deutschland erworben. Mit der Lntherschen Bibelübersetzung ströu:en nun in den deutschen Geist hinein die Symbole, die Gedanken, die Gleichnisse der Bibel. Die Bibel wird Volksbuch, und bis auf den heutigen Tag ist sie es fiir die Blasse der Deutschen gegeblieben. Stade, ein liberaler protestantischer Theologe, hat in der Einleitung zu seiner „Geschichte des israelitischen Volkes" folgenden Sah geschrieben: „Mau kann die Einwirkung israelitischer Gedanke:: ans die heutige Menschheit an keinen: Beispiele besser verdeutlichen, als wenn man sich der Bedeutung erinnert, welche die religiösen Gestalten des alten Israel für unser Volk h :ben. Für die Masse unseres Volkes ist die biblische Geschichte die Geschichte überhaupt.... ES empfindet diese Gestalten als Fleisch von seinen: Fleisch, als Bein von seilten: Bei::". Die Bibel war gleichzeitig das gemeinsame Bildnngsmittel aller Stände durch mindestens zweieinhalb Jahrhunderte hindurch. - Sie war Autorität und Norm; sie enthielt die letzte Wahrheit über Sein und Leben. Sie war die belebende Atmosphäre, war Mythos und dichterischer Stoff. anS den: die Dichter ihre Intuitionen schöpften, die Künstler ihre Gestalten und Bilder schufen. Sie war soziales und politisches Ferment. Es gibt keilte geistige, keine politische, keilte soziale Bewegung in: 1t». tmb 17. Jahrhundert, die von der Bibel nicht beeinflußt worden wäre. Sie war eil: Buch der Erbauung, ein Buch, mit deil: man geboren lvurde, und ein Buch, mit den: inan starb; sie war gleichzeitig ein Buch, mit dem die Kinder erzöget: wurden. Roch Goethe bekennt: Ich für weilte Person halte die Bibel lieb :u:d wert, denn fast ihr ollein verdanke ich meine sittliche Bildung, unb die Begebenheiten. die Lehren, die Syn:bole, die Gleichnisse — alles hatte sich bei nur tief eingedrückt und war auf die eilte oder a::dere Weise wirksam gewesel:". Hub noch gegen Ende des Iti. Jahrhunderts, als eine allgemeine weltliche Literatur schon längst vorhandel: war, als die sogenannten moralischen Schrifter: und Wocherlschriftei: den Markt überschwemmten, schreibt Lichtenberg jene äußerst charakteristischen Worte: „Die uuitützesten Schriftel: in unseren Tage,: scheinen die moralischen zu sein, uachden: wir die Bibel haben. Man illöchte fast den Ausspruch deS Kalifen Omar bei den: Brande der Alerandrinifchen Bibliothek gebrauchen: Entweder sie enthalten, was in der Bibel steht, und dani: sind sie ui:ui':tz, oder sie siltd dawider. :u:d dann n:uß mm: sie verbrennen". Und in der großen deutschen Tonklmst eines Bach und Händel fluten uns in den K langweilen Worte der Bibel, Worte des alten Testaments entgegen. „Erst iu Handels Musik", schreibt Nietzsche eiiunal, „crkln::g das beste von Luther nlid seiner Verwandtet: Seele: der große jüdisch-heroische Zug, welcher die ganze Reforll:atiollsbeivegnl:g schuf." Unb dann in: 18. Jahrhundert, als ein neues Zeitalter anbrach, hat Herder die Bibel in seiner Schrift „Bon: Geiste der hebräischen Poesie" aus einer starr gewordenen Theologie hinübergerettet ill die Literatur. Die Bibel ist durch Herder zur Lebensbegleiteriu der deutsche!: Weltdichter und Weltdeuter geworden. Die Bibel ist in den Wesensbestand der großen deutscher: Persönlichkeiten an: El:de deS 18. und am Beginr: des 10. Jahrhunderts übergegaugen. Als Kant sein 70. Lebensjahr erreichte, da vermag er seiner Feierstimnnlng feinen tieferen Ausdruck zu geben als mit den Wörter: des Psalmisten: „Des Menschen Leber: währet 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen".- Die theologische Epoche des deutschen Geistes wird abgelöst durch die Aufklärung, durch jene Bildungsepoche, die da versucht hat, vom mensch-