KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 9 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 170 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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170 verquickt mit Fragen der Weltanschauung. Wenn der Deutsche eine' politische Anschauung vertritt, wird er sie irgendwie verkuiipfeu mit dein Wesen der Dinge, wird sie mtSmiinbci! lassen in letzte, metaphysische Spekulationen. Es ist nun nicht zufällig, daß es gerade Inden waren, die das Gedankengerüst abgegeben haben für diesen Zusammenhang von 'Weltanschauung und Politik. Der Jude Stadl hat den preußischen Käufervativen in seiner Rechtsphilosophie die philosophische Theorie ihrer Politik gegeben; der Jude Marx hat dasselbe für die Sozialdemokratie getan. Selbst der Antisemitismus betrachtet sich gegenwärtig in Delltschtand — und das ist seine, letzte Ausflucht — als Sache der Weltanschauung. Die zweite Wesensvenvandtschast zwischen deutschem und jüdischem Geist bildet eine Eigenschaft, die inan gewohnt ist, eigentlich nur den Juden znznschreiben: nämlich die Fähigkeit, sich in fremde Volksgeister hineinznfühlen und hineinznleben, sich anzupassen, sich einznschmiegen. Und nun liegt es so, daß eine der größten typisch deutschen Geistesbewegllngen, die Romantik, gerade diese Fähigkeit in höchstem Maße offenbart hat. Die Romantiker haben es verstanden, sich den mannigfaltigen Formen und Inhalten der verschiedensten Rationalliteratnren einznschmiegen, sie haben die Idee der Weltliteratur, die Goethe geschaffen, zur Wirklichkeit geinacht. Es ist nicht zufällig, daß die Deutschen die genialste und kongenialste llebersetznugsliteratnr answeiseu könnet!. Und auch hierin berühren sie sich mit den Inden. Vielleicht iväre hier zu erwähnen, daß Inden die erste Uebersehnng der Weltliteratur hervorgebracht haben. Inden ivaren es, die damals in Alexandrien die Septuaginta geschaffen haben. Sie haben das Buch der Bücher in die damalige allgeineiae Knltnrsprache. übertragen, zum erstell Mal in der Weltliteratur überhaupt eine llebersetznng großen Stils geschaffen, die in ihrer Wirkung sich vergleichen läßt mit der Lntherschen Uebersetznng der Bibel. Freilich, auch hierall Hai ein gewisses antisemitisches Ressentiment das Verdienst der Juden zu schnlälern gesucht: Es war vielfach Blöde geworden, von dem. Griechisch der Septuaginta als von einen! Jndengriechisch, als voll einer Art Jargon zu sprechen. Durch Deißmann ist festgestellt worden, daß das Griechisch derSeptnaginta das lebendige Griechisch des Volkes war. daß die Inden bei der Uebersehnng der Septuaginta ebenso verfahren sind; wie Luther bei seiner genialen Uebersetznng: daß sie beu Leuten „aufs Maul" gesehen haben, das lebendige Wort festgehalten und für die kommenden Jahr-. Hunderte aufbewahrt haben. Aber auch in malam partem zeigt sich eine gewisse Aehnlichkeit zwischen Juden und Deutschen: dieselben Vorwürfe, die man den Juden macht, sind auch den Deutschen, wenn auch nicht gegenlvärtig, so früher gemacht worden. Man wirft beii Inden vor, daß sie nur nachahmend tätig fein können, daß bei ihnen ein Mangel an Ursprünglichkeit vorhanden ist. Dieselbe nrteilnllg, die der jüdische Gent heute erfährt, hat der deutsche Geist im l«s. Jahrhundert von Männern wie Kant, voll Männern wie Lichtenberg empfangen: „Blich dttilkt. der lYiitK-e Ijat seine stärke vorzüglich in worin ihm schon cm sonderbarer Nops vorflenibcitet imt: oder mit andern Worten, er desil.N die Ainnir. durch Nachahmung original zu werden, in der i\iohteu Vollkommenheit, b'r bejiht eine (rmpsittdüchleil. augenhlirNich die Formell z,l haschen, und kann sein Mnrki aus allen Tönen spielen, die ihm ein an-ländischer engiual köpf nngibt". Wenn das Heute in einer antisemitischen Ieitnng stände, würde man v > als allgemeine Charakteristik des jüdischen «Geistes anerkennen. Ich lasse dahingestellt, wieweit Lichtenbergs Charakteristik für die Deutschen stimmt. Rur eins: wenn es für die Deutschen nicht stimmt — und ich glaube, angesichts eines Kant und eines Goethe dürfte es nicht stimmen —, dann stimmt es auch nicht für die Inden angesichts eines Spinoza und eines Bergson. Bestände diese innere Wahlverwaudtschast zwischen deutschem Geiste und jüdischem Geiste nicht, lvie wäre es dann möglich, daß gerade die innigsten deutschen Volkslieder ihre kongenialsten Vertoner in einem Felir Mendelssohn, in einem ''Arnold Mendelssohn, in einem Gustav Mahler gesunden habend Wie iväre es möglich, daß gerade Heinesche Gedichte von deut-scheu Liederdichter«! wie Schllbert und Cchnmalm zmu unvergänglichen Besitz deutscher LiederUnist gemacht worden sind? Wie wäre es lnöglich. daß Btänner wie Gabriel Riesser, nüe Cimsvu, wie Laster die führende Rolle in der deutschen Politik spielen konnten? Wie. wäre es sonst möglich, das: in antisemitischen Blättern lllld Zeitschriften Inden als Germanen, erfüllt von echt germanischem lileist, gefeiert werden, wenn diese Inden zufällig deutsch klingende yiamen haben, wenn z. B. ein Mann wie Messel ill der „Deutschen Geschichte" von Einhardt als „deutscher" Baumeister gefeiert wird?- Aber das gehört eigentlich nicht direkt z» meinen! Thema. Mein Thema kantet: Das deutsche. Geistesleben und die Juden. Wieweit stlid die Juden mit dem deutschen Geistesleben verwachsen? Wieweit ist das deutsche Geistesleben mit dem Judentum verwachsen? Und hier ergibt sich die erste grundlegende Frage: Was haben die Inden an snbstanzbildenden Kräften dem deutschen Geistesleben z u g efü h rt? Geistesleben in dein lieferen Sinne, in dem ich es verstehe, ist die Summe jener