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KC-Blätter · 1912-05-01 · Heft 8 (1.5.1912) · p. Seite 155

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 8 (1.5.1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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155 des Fanatismus. Stoecker war anfangs Ehren- Mitglied des Berliner Vereins, mutzte aber nach seinem Sturz die Ehrenmitgliedschaft niederlegen. Bald aber versöhnte man sich wieder mit ihm. und in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts nahm Stoecker wieder mit Liebermann von Sonnenberg und anderen antisemitischen Größen an den Festen des Berliner Vereins teil. Auch Friedrich Na u m a n n, der bekannte freisinnige Abgeordnete, spielte in seinen Studentenjahren im Leipziger V. D. St. eine Rolle. »Im Jahre 1908 hielt man es jedoch im V. D. St. für opportun, ihm den Stuhl vor die Tür zu setzen. Gelegentlich rebellierten freilich einige Vereine im Reich, besonders in Sachsen und in Süddeutschland, gegen die Jntransigenz des Berliner Vereins. Mitte des Jahres 19 ll) gab es sogar eine regelrechte R e v o l t e. Die .. A k a d e m. B l. ", Das offizielle Organ des Kyffhäuferbundes, veröffentlichte einen Artikel „Zum neuen Semester", der merkwürdig v e r n ü n f t i g e Ansichten über das Schlagwort „ n a t i on a l" zum Ausdruck brachte:4) „ilu’bcn und Feste feiern allein macht es nicht, und die Macht der Plirase hat vielleicht nirgendwo sa dominiert wie auf diesem (bediele. Was aber noch schlimmer und im Interesse der politischen Sittlichkeit aufs tiefste zu beklagen ist, ist dies: daß mit dem Worte „Deutsch- Patio»al" häufig geling schwerer Mißbrauch getrieben wird, daß man versucht hat, unter der Firma „Rational" falsche Werte in das Volk gelangen zu lassen, daß falsche Propheten im Lande nmhergcgangen sind und noch iel.n einhergeben. die darauf ansgeheu, wirtschaftspolitische Forderungen von Fnteressentengrnppen unter nationalem Firmenschild an den Mann zu bringen, und die sich nicht scheuen, allen denen, die nicht für ihre Forderungen zu haben sind, n a t i o u a l e G e s i n n n n g ab zu sprechen. Darum müssen wir, und namentlich die jüngeren unter »ns, die im Idealismus der Fugend noch eher geneigt sind, sich durch Worte blenden zu lassen, u n S hüten vor der Phrase und den falschen Propheten. Echt deutsche Besinnung zeigt sich vor allem in der Lpferwilligkeit, in der Fähigkeit» um des große» Ganzen, des geliebten Vaterlandes willen auf E i g e n v o r t e i l e verzichten zu könne», zeigt sich in der Vornehmheit der Denknugsweise. die auch dem politischen G e g n c r die A ch t ii n g lt i ri) t v c rsag t. Und darum: Wenn wir selbst im polnischen Kampfe stehen, so wollen nur ihn mit Ritterlichkeit und edlem Anstand führen, wollen zeigen, daß das humane und weitherzige Verstehen und Verstehenwollen 'Andersdenkender im Sinne unseres Altneisters Goethe auch zu den (Geboten politischer Moral gehört." Weiter hieß es mit Bezug auf das Bekenntnis zum Llutisemitismns: „Daß bei dieser Arbeit auch gegensälNiche Anschauungen in unseren Reihen anfeinanderprallten, daß unser Allionsfeld mancherlei Verschiebungen erfuhr, ist richtig, hat aber der guten Sache nur gedient. Dem antiseiii i t i s ch e n (v e d a n t e n wird in manchen Kreisen in unserem Verbände vielleicht nicht mehr dieselbe Bedeut ii lt g b e i g e m e s s e n wie in in früheren Jahren. Kämpfe hat es gegeben um die Parteistellung unserer Alten Herren. Während man in früheren Jahren und Jahrzehnten geneigt war, die öffentliche Tätigkeit unserer Alten Herren, soweit sie im öffentlichen Leben wirken, *) Vgl. K. E.-Blätter, 1. Jahrgang, Nr. " S. :N. mehr sür die rechtsstehenden Parteien zu vindizieren, haben wir uns i n' a l l m ä!i l i ch e r E n r w i ck l u n g z u d cm Standpunkt durch gern ngen. daß der Verband alle Versuche, ihn für parteipolitische Zwecke dienstbar zu machen, znrückznwcisen hat. Un'er Verband verpflichtet seine studentischen Mitglieder aut keinen Parteistandpnukt. und soweit er sich theoretisch - auf seinen Vortragsabenden - mit Parteipolnil zu befassen hat. versucht er nicht nur den konservativen, sondern auch den liberalen Parteiströmniigen gerecht zu werden. Von seinen Alten Herren aber erwartet der Verband Belenntnis zum nationalen Proaranun und Betätigung im Sinne desselben, ohne ihnen!m übrigen Richtlinien sür ihre parteipolitische Stellung oorzeichnen zu wollen. Fn jeder politischen Partei, ob k iseroativer oder liberaler Färbung, ist Plah sür einen V 7. St.er mit Ausnahme lediglich der Sozialdemokratie." Die Schriflleitnng machte sogar diese Ausführungen ausdrücklich zu den ihrigen, und der V. D. St. an der Königs bcrger Albertina veröffentlichte eine Erklärung, worin er Wert auf die Feststellung legte, daß oie Publikation des Vereinsorgans den Inhalt einer in dem KönigSberger Verein gehaltenen Rede darstellte; alsdann hieß es weiter: „Die Veröffentlichung erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch des unterfertigten Vereins und einer großen Anzahl Alter Herren, ein Fichen. daß der Anffak der „Akademischen Blätter" nichi .«ls ein vereinzeltes Stimmnngssymptom aiizusehen nt. und daß jedenfalls der hiesige Verein und eine große Anpihl seiner Alten Herren mit den Grundgedanke» des Anssa! es sympathisiert. Daß auch in iveitercu Schichten itmedmlb des Verbandes der Inhalt des Aufsahes D»nst'.mmni!g findet, dürfte aus der Tatsache zu folgern sein, daß di,' ..'Akademischen Blätter" den Aussatz zu Beginn des Semesters, gleichsam programmatisch. gebracht haben. Unser Verband sucht sich von jeder Einseitigkeit und Enghmzigkeit freiznhalten, er peisucht, soiveit er sich aus seincn Vortragsabenden mit Fragen der inneren Politik besaßt, allen Parteiströimingen gerecht zu werden und vinknlien weder seine studentischen Mitglieder noch seine Alien Hern» für irgendeine politische Partei." Die Toleranzfrage wurde gleichzeitig im offiziellen „Tcrs chenbnch" l19lO) des Kyffhäuserbnndes behandelt. Der Schriftleiter Dr. Kormann schüttelte dort den Radaucintisemitismus kräftig ub und schwur nur noch ans den gesellschaftlichen Antisemitismus. Er erinnerte in einem „Wandlungen im Kyffhäuser-Verband"'') betitelten Artikel, daß der Verband vom Antisemitismus ausgegangen sei. daß aber „die Jude «frage, die ursprünglich einen so breiten Raum in unseren Erörterungen beansprucht hatte, mehr und mehr in d en Hintergrund" getreten sei. „Denn heute ist der Gedanke des gesellschaftlichen Antisemitismus so ziemlich ei» selbstverständliches Gemeingut aller akademischen .Kreise geworden." Kormann frischte daun den alten reaktionären Ladenhüter wieder auf, daß „der Freisinn^ wie überhaupt „die Unksliberalen Elemente" in den 8Oer und 9OerJahren nicht national gewesen seien und infolgedessen noch in der 2. Austage I ') Vgl. K. E.-Blätter, 1. Jahrgang, Nr. 3, S. 47.

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