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KC-Blätter · 1912-05-01 · Heft 8 (1.5.1912) · p. Seite 151

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 8 (1.5.1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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Um wieviel gewaltiger und gefährlicher ist aber die Untersuchung für die vielen Juden, die von einer gewissen r v m a n t i s ch e n Geistesrichtung sind und leicht die Transzendentalität der gewonnenen Einsicht in ein transzendentales Handeln oder doch Hinwirken auf entlegene Pläne hinüberleitem als ob seine theoretisch^ gewonnene und immiTl)m inexakte Hypothese den Befehl gäbe, sie ansznleben. Hierut beruht meines Erachtens eine Hauptgefahr des Denkens über unser Judentum. Weil man leicht dazu kommen kann, an das alte Zion in Gedanken anznknüpfen (als Heimat des Judentums), sollen wir aufs hielte die ersehnte Einheit in der alten Heimat wiedersuchen, als ob sich inzwischen gar nichts verändert hätte, und auch das Judentum nicht von Entwicklungen nmgewandelt rväre. Auf diese Grundfrage nach unserem Judentum mtd seiner Erlösung kommt mau durch die Lektüre einer kleinen, aber sehr eindringlichen Broschüre, die M a r t i n B u b e r soeben herausgegeden hat.*) Martin Buber. der sich durch seine Schriften über den jiidischerl tlleu-Mystizismlls. den „EhassidiSmus", hervorgetan hat, und der ein interessantes Deutsch zu schreiben weiß, besitzt die schone Gabe, tiefe Gedanken in schöne Formen zu gießen. Er ist ein Denker und geschichtlicher Forscher, aber wie schon die Auswahl seiner Lieblingsthemen ankiindet, ein Braun, der seine Gedanken gerne an romantische Dinge hängt, imb diese Zweiheit des logischen Denkens und romantischen Speknlierens finden wir auch in feinen „Drei Reden", von denen die erste logisch untersuchen will, die zweite einen schönen Gedanken ansspricht, aber die dritte zn den Sternen im Himmel sich versteigt, so daß wir ihr nicht mehr folgen können. Buber teilt seine drei Neben über das Judentum ein in die Abschnitte, „Das Judentum und die Inden", „Das Judentum und die Menschheit" und Zinn Schluß „Die Erneuerung des Judentunls". Im „Judentum und die Inden" stellt Buber zuerst die Frage aus, warum nennen wir uns Juden, und er lehnt es ab, dafür die Konfession als Urgrund unseres Judentunls anzngeben, denn Religion sei heute nur noch eine Erinnerung, aber keine lebendige Gegenwart. Dann geht Buber in eine scharfsinnige Untersuchung ein, ob das Judentum eine Rntiml sei. Er bejaht und verneint das nicht, sondern stellt für das Judentum etwas ganz Besonderes hin. Jede aridere Natiorr hat für ihre Arrgehörigerr das Gute, daß der Einzelne anf den drei kon- *) Marli» Buber: „Drei rileden über das Judentum." Mitgen & Lüning, Frankfurt a. Al. 102 Seiten. 2 M. geh. stanken (!) Elementen Heincat, Sprache und Sitte sein Zugehörigkeitsgefühl aufbaut und außerdem alle Einzelnen durch ihre körperliche und seelische Substanz, das „Blut" verbunden sind. Blut sei aber noch inniger als Sprache, Heimat und Sitte. Für die Juden seien die beiden Gemeinschaften zerfallen. In Deutschland teilen sie mit den Deutschen Sitte, Heimat und Sprache, doch mit den Inden das Blut. „Die Welt der konstanten Elemente und die Welt der Substanz sind für ihn zerfallen .... Ein Konflikt besteht zwischen Umwelt lind Innenwelt, und es tut not das zu wissen ... Und wir müssen('<> mul) der Einheit streben, die die Substanz erfordert." Damit schließt die erste Rede durchaus romantisch und nichts weniger wie überzeugend. In der zweiten Rede will Buber die Frage beantworten, was das Indent um für die Menschheit bedeute, und er findet für diese weite Frage eine interessante Antwort. Buber sagt, das Judentum sei von Gegensätzen erfüllt; es sei erlaucht und schändlich, schön und häßlich, gut ltnd böse, lüstern und asketisch, ideell und materiell, todesmutig und feige, kurzes sei „polar", die Pole der Möglichkeiten vereinigen sich im Judentum, sodaß es eilt ewiges Rätsel und Staunen der Menschheit sei. und seine Gegensätze verblüffen Juden und Ehlisien. Run sagt Buber weiter, in der Menschheit überhaupt liegen rnalle die Gegensätze verborgen, die das Judentu so klar zeigt, und das ist dir Bedeutung des Judentums für die Menschheit: daß die Polarität des Judentums der Menschheit den eigenen Spiegel Vorhalte. Jul Judentum finb die Menschheitsprobleme verdichtet; das ist der Sinn des Indentluns für die Menschheit. Aus dem Mangel quillt der L rieb der Heilung und es entsteht aus der Gegensätzlichkeit des Inden sein Trieb nach Einheit. Das gegensätzliche Judentum schenkt der Menschheit (welch eilt Wunder!) die Idee des Eiuheitsgottes, die Idee der All-Liebe ultd die einheitliche Weltanschauung des Spinoza. Der jüdische Dnalisnnis bringt mit asiatischer Genialität das Einswerden der Seele hervor. Wie kein anderes Botk erkennt das Judentum die Urzweiheit des Guten und des Bösen, ttnd es erstreben die schöpferischen Juden ihre Erlösung in der Welt der Einheit. Diese zweite Rede wirkt säst iuie eine Entdeckung. Es ist Buber gelungen, die Gegensätzlichkeit, die im Judentum ganz sicher besteht, aufzudecken, in einem wohltuenden Sinn zu erklären und zu zeigen, wie das Judentum seinen Dualismus zu sühnen strebt. Inder letzten Rede aber, der „Erneuerung des Judentums" wirdBuber durchaus mystisch.

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