Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1912-05-01 · Heft 8 (1.5.1912) · p. Seite 150

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 8 (1.5.1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2268830-2268846-2268855--0431-3522600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

löO Professor der Nationalökonomie Adolf Wagner in. Berlin — heute Wirklicher Geheimrat und Exzellenz, damals Hochschulprofessor und antisemitischer Agitator dazu, den man im Jahre 1891 neben Stoecker in Volksversammlungen auf der Rednerbühne stehen sehen und gegen die Juden und ihre Gleichberechtigung reden, wettern und donnern hören konnte! Und zwar wie! — Das war nad) Bismarcks Entlassung! Unser großer Freund und Förderer sah als einsamer Mann im Sachsenwalde und bediente sich als ersten literarisd)en Assistenten eines Juden, der zwar kein Jude niehr sein will, aber in feiner ganzen Charakter- und Geistesart mit all ihren Mängeln und glänzenden Vorzügen einer der typischsten Juden der letzten dreißig Jahre war und ist — Maximilian Hardens? Zum Schluß muß ich noch Hinweisen auf die fördernde Wirksamkeit, die Bismarck auf den Fortang der Judenemanzipation ausgeübt hat durch ie Schaffung der R e i ch s e i n h e i t an sich, welche eine Rückwirkung der weiter fortgeschrittenen judenrechtlichen Zustände einzelner Bundesstaaten, zumal der süddeutschen, aus Preußen und ganz Deutschland zur Folge hatte — so wie auch noch heute z. B. die Tatsache, daß es in Bayern hohe jüdische Sanitätsoffiziere und zahlreiche jüdische Reseveosfiziere gibt (eine Tatsache, die;a schon oft den preußischen Antisemiten entgegenqehalten worden ist) nicht solche beispielgebende Kraft haben würde, wenn nicht Bayern ein Teil des Reichs, sondern etwa wie Oesterreich. nur ein befreundeter Staat wäre. Diese Rückwirkung machte sich in den 70er und 80er Jahren, wo sie noch den Reiz größerer Neuheit hatte, noch stärker in Norddeutsch tand fühlbar als heute! Und daß sie sich eben zu ®imftcu der Judenemanzipation wirksam erwies, ist Bismarck. denr Gründer des Reichs, zu danken! In Baden gab es in den 70er und 80er Jahren (genau von 1868—93) einen jüdischen Finanzminister Ellstätter, der als solcher auch Mitglied des Bundesrats war. wohl das einzige jüdische Mitglied, das je in dieser Versammlung erschienen ist. Ich darf hier noch eine, persönliche Erinnerung anfügen, da sie eng in den sachlichen Zusammenhang gehört, sozusagen eine „Illustration" des „Textes" bietet. Als ich in den 80er Jahren in Heidelberg studierte, war ich Mitglied einer Studentenverbindung. deren meiste Mitglieder Sohne höherer badischer Beamten waren. Außer mir war in jenen Semestern noch ein Jude Mitglied — der Sohn eben jenes Finanzministers Ellstätter. Und u. a. war Mitglied ein Sohn des badischen Oberkirchenratspräsidenten und Prälaten Doll.- Zur Schlußkneipe erschienen einige Studentenväter aus Karlsruhe. Und als letzte erschienen gemeinsam der jüdische Finanzminister und der protestantische Oberkirchenratspräsident, alte Jugendfreunde und mm beide zu den höchsten Beamten des Staates gehörig und setzten sich nebeneinander an den Biertisch. Das war ein Bild echter Judenemanzipation! Ein Bild voller Gleichberechtigung aus allen staatlicheil Gebieten! Und dieses politische Ideal: volle eich bered)- tigung aller deutschen Inden ans alten staatlichen Gebieten wird sich erfüUeu, wenn wir die Ziele unseres „Kampfes um* Recht" der Gleichberechtigung fürderhin i m G eiste B ismarcks und mit seinen moralischen Mitteln verfolgen, wenn wir ihn in diesem Kampfe als unser Vorbild,*) als unseren politischeil Lehrmeister liebeii uub ehren, wenn wir vor Allem den markigen Mut dieses männlichsten deutschen Mannes neuerer Zeit als unsere wirksamste Wehr und Waffe üben lernen und den Kampf um die Volleildung der Judenenlanzipatioil im Sinne des berühmtesten Bismarck-Wortes unter dem Wahlspruch fortsetzen: „Wir deutschen Juden fürchten Gott Aber sonst nichts auf der Welt!" *) In einer der nächsten Nnmmcrn erftOetnt ans der Hand dos Verfassers ein Aufsah : „B i s m o r ,f als Bor - liild der Inden im t§man,zip ati vn ka mp fe". Di«' »iobaftion. Martin Kuder und das Judentum. Van Hr. (5-rnft Hochschild ((Ebelliniae> Kalmar i. Or. Das Wiedererwachen des jüdischen Bewußtseins, das tu den letzten Jahrzehnten zu so vieleil Richtungell ulld inneren Kämpfen geführt hat, führt oft ans die Frage zurück, die eben so einfach scheint, wie sie tief aiiswühlen will: „Was heißt Judentum? Worin beruht das Juden tu in." Mit den Schlmpoorten. das Judentnni sei eine Konfession, etue Rasse, ein Volk, eine Ration, eine platonische Idee iWcininger) ist es vielen nicht getan: derrn diese Antworten geben nur eine Definition nach irgend einem willkürlichen Oberbegriff. E* muß tiefere, ewigere Merkmale geben, die aujüävou, was das absolute Sein des Judentums ist. und, wenn auch für die praktischen Erfordernisse des täglichen Kampfes, den der sich denr Staat gegenüber als Jude ausgebende Bürger ausznsechten hat. solche philosophische Fragen ans den ersten Blick nichtig zu fein scheinen, so sind ne doch wegen der Selbsterkenntnis, die sie fördern, und der großzügigen Orientierung, die sie uns geben können, von einer gewiß nicht bloß theoretischen Beeinflussung unserer selbst, die wir die Dinge real betrachten und behandeln.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.