KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 8 (1.5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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fach unbeantwortet gelassen, also etwa so behandelt, wie wenn ein Privatmann einen Bettelbrief in den Papierkorb wirst. In Wahrheit hat er Anfang der 80er Jahre nachweisbar Aenßerungen zu dem Unterstaatssekretär Wilhelm Busch (einem ernsten Manne, nicht zu verwechseln mit denn unzuverlässigen Moritz Busch, dem sogenannten „Büschchen") getan, die eine scharfe. B e r u r t e i l u n g der antisemitischen Bewegung enthalten, „Richts kann unrichtiger sein als die Meinung, ich sei mit der antisemitischen Bewegung irgendwie einverstanden." Und weiter: ..Ich mißbillige ganz entschieden diesen stampf gegen die Inden, sei es. das; er aus religiöser Grundlage oder gar auf derjenigen der Abstammung sich bewege. Mit gleichem Rechte könnte man eines Tages über Deutsche von polnischer oder französischer Abstammung herfallen und sagen, sie seien keine Deutschen." Und weiter: „Ich werde niemals darauf eingehen, das; den Inden ihre verfassungsmäßigen Rechte in irgendeiner (!) Weise verkümmert werden." Und abermals zu demselben Busch im Jahre 188:;: „Die Inden sind in ihrer Polemik gegen mir!) nie so genn'in gewesen als nn'ine chrtstlichen Gegner in der Fortschrittspartei und in der konservativen Partei zur Zeit der Renhsglocke." Und wohl läßt sich nachlveisen, daß Bismarck allenthalben retardirend, hemmend ans die Bestrebungen der neuen zwar „kleinen, aber mächtigen" Antisemitenpartei gewirkt-hat! Und wenn es ihm auch von 1878—90 nicht mehr möglich war, wie bis dahin, die Iudcnemanzipalion weiter zu führen «auch er war mir mächtig, nicht a l l mächtig;, so hat er doch die Funktion einer starken Bremse ausgeübt, die den Staatswagen auf der abschüssigen Bahn der anti emanzipatvrischen Reaktion nach BMöglichkeit anj hielt! Der erste Urheber des Antisemitismits in Deutschland ist ivie überall und allenthalben in der Geschichte. des mittelalterlichen und modernen Antisemitismus ein K irchen - m iiiin geivesen — Adolf Stoecker! Stoecker und seine teilte sind die Urheber der antisemitischen Bewegung! Und mit Stoecker, Waldersee und Genossen lebte unser großer Freund und Schützer aus dem Kanzlerstnhl Bismarck in f o r t g e - s e tz t c r Feind s ch a f t! Und Stoecker war zuletzt vom Regierungsantritt des jetzige!; Kaisers an zwei Jahre lang bemüht. Bismarck zu stürzen. Und unter den zahlreichen Einflüssen, die schließlich im März 1890 zur Entlassung Bismarcks führten, waren neben militärischen Gegenströmungen nicht die schwächsten diese — antisemitischen Einflüsse! Das ist eine so geschichtsnotorischc Tatsache, daß nieutaud sie heute mehr bestreiten wird, es sei denn etwa ein Schüler Lombrosos. Bekannt ist wohl den meisten, die sich schon in den 90er Jahren aktiv mit deutscher Politik beschäftigten, der berüchtigte „Scheiterhaufen brief" Stoeckers an den Freiherrn von Hammerstein aus dem Jahre 1889.*' der lange Jahre später bekannt wurde und in dem Stoecker in raffinierter Weise Ratschläge entwickelte, wie nian den Kaiser heimlich. immerklich gegen Bismarck und seine Politik nnfreizen und so allmählich von ihn; trennen könne. Dieser zwölfjährige K r i e g s z n st and zwischen Bis nwrck und Stoecker könnte allein schon als zwingender indirekter Beweis dafür gelten, daß Bismarck der antisemitischen und antiemanzipa!arischen Bewegung der 8oer Jahre nicht als Förderer, sondern als Feind gegenüberstand und nach Kräften ihr in jttdensrenndlicheni Sinne entgegenznmirken suchte! Roch zwingendere Kraft würde, für den, dem die direkten Beweise (Bismarcks Worte und Handlungen aus jener und ans seiner früheren Zeit» nicht genügen. ein z we i r c r indirekter Beweis haben — das ist das gewaltige Anschwellen der antisemitischen Bewegung sofort n a ch B i s metrcksEntl a s] int g. im Jahre 1890. Bom Jahre 1890 ab erhob sich der Antisemitismus in den folgenden Jahren, wie wenn' er bis dahin durch eine geheimnisvolle Macht zn Boden gehalten worden wäre, einer Sprungfeder gleich, die niedergedrückt worden war Und' nun, da der Druck fortfällt, mit ihrer ganzen Elastizität emporschnellt! Bei den l'eichstagswahlen von 1890 lweuige 'Wochen vor Bismarcks Ent lassuugf wurden fünf Mitglieder der antisemitischen Bolkspartei gewählt, bei den Wahlen von 1898 sechzehn! Die Krenzzeitungspartei, die Bismarck niedergehalten hatte, erreichte im Anfang der 90er Jahre den .Höhepunkt ihrer Macht! Der 2'antener Ritnalmordschwindel zeigte in erschreckendem Maße, wie seit Menschenalteru nicht mehr, den latenten religiösen Fanatismus, den llrguelt allen Judenhasses! Stoecker, Waldersee und Hammerstein, der Ehef der „Kreuzzeitnng" und der Krenzzeilnngspartei, galten nicht mit Unrecht als das Triumvirat der Zukunft — Waldersee als der kommende Reichskanzler, Stoecker als der kommende Kultusminister. Und iver jene Zeit politisch miterlebt hat, der weiß, daß nicht nur Radanantisemiten ü la Ahlwardt, sondern ernste, an sich edle Rulnren in diese mystisch-christliche, durch nationale, germanischbornssische 9lebenslüsse verstärkte Hochflut der antisemitischen und antiemanzmatorischen Bewegung hineingerissen wurden ich nenne nur als Beispiel den noch heute in voller Rüstigkeit lebenden, nicht bloß als Gelehrter, sondern als Mensch und Charakter höchster Achtung werten *) Bergt, den Text des Briefes in ll. Nr. 5 dieser Zeitschrift Seite 86 ilnd 87. - .. . -V Redakkon.