Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
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— 18 — ist jedoch der Umstand, dass diese Dramen Comödien oder Tragicomödicn sind, es ist keine Tragödie unter ihnen. Ihre Verfasser, welche sich der Protection des Ministers, erfreuten, haben überhaupt nur wenige Tragödien geschrieben. Von den 19 Stücken Boisrobert's sind 9 Tragicomodien, 8 Comödien; nur „La Vraie Didon ou Didon Ia Chaste" ist eine Tragödie. Der so fruchtbare Rotrou — er schrieb im ganzen 35 Dramen — dichtete nur 7 Tragödien. Von diesen erschien die erste, der „Hercule Mourant", 1632, die andern sechs erst nach 1638, also nach dem Cidstreitc. Ähnlich ist das Verhältnis bei Scudery, unter dessen 16 Dramen sicli zwei Tragödien, „La mort de Cesar" und „Didon", befinden. Beide stammen aber erst aus dem Jahre 1636. Richelieu liebte und verehrte die Comödie und Tragicomödie, konnte sich aber mit der wahren Tragödie nicht befreunden. Umsomehr müssen wir uns wundern — oder aber sagen, dass Richelieu nicht viel mehr als ein geistreicher Dilettant auf poetischem Gebiete war —: dass er nicht die Situation erkannte, in welcher sich das Drama zu seiner Zeit befand, wenn er mit aller Gewalt die Einheiten gewahrt wissen wollte. Scudery hatte in den „Observations" hervorgehoben, dass die romantischen Stoffe, aus denen die Tragicomödie sich zusammensetze, nicht die Einheit der Zeit ertragen, dass ihr Inhalt ein viel zu komplizierter sei, als dass man sich an die Regel des Aristoteles halten könne. Sehr feinsinnig bemerkt Ebert1): „Entweder musste jetzt die innere Haltlosigkeit der äusserlichen Einheitsregeln zu Tage treten: oder blieben sie unerschüttert, trugen sie den Sieg davon, so waren die romantischen Stoffe von der tragischen Bühne ausgeschlossen. Die Tragicomödie hatte dann hier keine Zukunft." Thatsächlich verschwindet die Tragicomödie und fängt die Tragödie zu gedeihen an, d. h. also mit andern Worten, Richelieu bewirkte durch den Cjdstreit das Gegenteil von dem, was. er eigentlich bezweckte; er, der Freund der Tragicomödie, befördert das Emporkommen der Tragödie*). Desmarets hatte mit bewunderungswürdiger Kühnheit, die uns um so mehr in Staunen setzt, als er, wie wir sahen, nicht fähig war, dem Cardinal gegenüber eine selbständige Meinung zu bewahren, in seinen Visionnaires sich gegen die Einheiten ausgesprochen. Amidor lässt sich dort folgendennassen aus3): „Cette severite n'est qu'nne illusion, Pourquoi s'assivjettir aux grotesques. chimeres De ces emmaillottes dans leurs regles austeres? Qui n'osent de Phebus attendre le retour, Et n'aiment que des fleurs qui ne durent qu'un jour? II faudrait tout quitter, car en traitant les fables, Ou certains accidents d'histoires veritables, Comment representer en observant ces lois Un sujet en un jour qui se fasse en un mois? Comment fera-t-on voir en une meine scene La ville de Corinthe avec celle d'Athenes?" Aber Richelieu sali in Desmarets nur den Dichter, die absolute Autorität in kunstkritischen *) a. a. 0. pajj. 230. 8) cf. oben pag. 5. ■) Les Visionnaires II, 4.