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Der Israelit · 1903-04-02 · Heft 26 (2.4.1903) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 26 (2.4.1903)
Date
1903-04-02
Page
– (sequence 26)
Language
German
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»Ich that, was ich konnte/ sagte er ihm. „Jetzt hangt es von Ihrer Vorsicht ab, daß Sie nicht in die Hände der Russen fallen. Ich werde Ihnen kund thun, wenn Sie sicher Ihr Versteck verlassen können/ Nach mehrjährigem Aufenthalte jenseits der Grenze traf Jakob bei der Heimkehr im Vaterlande eine ausfallende Veränderung an. Alles wogte und wallte in einer tollen Hoffnung, zu deren Zielen kein Maß war. Die wunderlichsten Gerüchte wurden ohne Kritik ausgenommen, sie verbreiteten sich in allen Winkeln und erfreuten die Herzen. Jakob erstaunte hierüber in jedem Augenblick mehr. Er traute nicht mehr seinen Augen und Ohren. Die Menschen erschienen ihm bis zur Unkenntlichkeit verändert. Ihre Rede war anders, ihr Geist verwegener geworden. Nachdem er in einem Hotel abgestiegen, eilte er gleich am anderen Morgen zu seinem Vormunde, traf ihn aber nicht zu Hause, und erfuhr nur, er sei jetzt doppelt beschäftigt, da zahlreiche Projekte von neuen Unternehmugnen ihn völlig in Anspruch nähmen. Als er gesenkten Hauptes zurückkehrte, traf er ganz unverhofft auf der Straße, fast mit ihm zusammenstoßend, Herrn HeinrichSegel. Als er ihn in Italien verließ, trug er sich noch mit langen Reiseplänen. Er wunderte sich also nicht wenig, als er ihm auf dem Trottoir derWarschauer Vorstadt begegnete. Seit jenem zufälligen Zusammentreffen mit ihm auf dem Wege von Genua nach Spezia, in Begleitung der Signora Girante, empfand Jakob einen unbesiegbaren Widerwillen gegen diesen Menschen. Geliebt hatte er ihn niemals. Aber er konnte ihn vordem wenigstens achten. Seit er dies Gefühl verloren, sah er in ihm nur den kaltblütigen Henker jenes Wesens, welches ihm das Theuerste war auf der Welt. Jetzt fühlte er plötzlich wider ihn geradezu einen Abscheu. Als er plötzlich seine Stimme vernahm, erröthete er und drehte ihm widerwillig den Rücken zu. „Ah!" rief Heinrich ihm lachend zu, „das heißt wahrhaftig unverhofft! Sie wundern sich gewiß, mich auch hier wieder zu treffen! Vielleicht noch mehr, als da wir uns auf Aqua Sola sahen? Aber was wollen Sie! Das sind jetzt die Zeiten des: Unverhofft kommt oft! Tilda fand keinen Geschmack mehr an jenem Italien. Sie drang auf die Rückkehr in die Heimath. Auch mir kam dies ganz gelegen, denn man gab mir zu verstehen, daß ich hier für die Geschäfte nöthig sei! —7 So sehen wir uns also hier wieder, mein lieber Herr Jakob! . Ich bin sehr erfreut darüber, herzlich erfreut! Ich gehe eben nach. Hause und nehme Sie ohne Weiteres mit mir; zunächst um Ihnen mein neues Haus zu zeigen, wie ich es mir einrichtete. Ich besitze nämlich jetzt ein Haus in der Allee. Sie werden es ja sehen — es ist ein Schmuckkasten an Komfort, Geschmack und Eleganz, obgleich Tilda es auch bekritel! Sodann können Sie mir auch Tilda etwas zerstreu. Sie ist so ermattet und betrübt, und dies ermattet u betrübt auch mich. Sie ist überhaupt eine Frau, die > nicht - verstehe! Wahrhaftig nicht! auf Ehre! M wer verstände jemals eine Frau! Sie hat Alles, toi ihre Seele sich nur wünschen kann, und ist doch eto unzufrieden und verstimmt! Es ist in ihr etwas Kran Haftes! Also gehen wir! Nicht wahr?" „Aber ich habe in der That keine Zeit, . taufe, Geschäfte. Ich bin nur hier einmal abgestiegen!" „Lassen Sie mich damit zufrieden!" unterbrach il Heinrich. „Die Geschäfte wissen heut noch nicht, bd Sie angelangt sind! - Tilda wird sich zerstreuen! I! seid ja alte und gute Bekannte, und Sie stehen bei il in Gunst, was eine Seltenheit ist! Bitte, komme Sie mit!" Jakob hätte sich gewiß noch mehr gesträubt, ab, die Versuchung war zu mächtig! Sie wiedersehei Die Pflicht gebot, sie zu meiden, das Herz zwang ihi sie zu suchen! Diesmal erlag er der Schwäche. H-inrich ward umso ungestümer, als er sei Schwanken bemerkte. Er nahm ihn unter den Armu» führte ihn fast gewaltsam mit sich. Er war aufgeräum zerstreut und gesprächig bis zur Unkenntlichkeit. „Sie haben sich wohl noch nicht in Warschau un gesehen?" sprach er. „Ich fand überaus große Bei änderungen!" „Auch ich fühle sie," antwortete Jakob. „Ich kan sie mir aber noch nicht erklären!" „Die Veränderungen sind wirklich sehr groß Die Strömung in den Gemüthern ist eine solche, daj man sich ihr nicht wird widersetzen können. Die Revo lution liegt in der Luft." „Möge Gott uns vor ihr belvahren!" „Sie scheint unvermeidlich zu sein! Oder ich vei stehe mich auf gar nichts. Es riecht aber schon na, Pulver. Für uns," fügte er, Jakob die Hand drückend hinzu, „ist dies.übrigens nicht schlimm! Natürliö werden Opfer fallen. Man muß nur verstehen, siö herauszuwinden, damit uns die Räder dieser Alles zer malmenden Maschine nicht erfassen. Zuletzt aber \\ der Sieg doch unser. Wer auch von ihnen siegen maq! „Wie so?" fragte Jakob. „Das verstehe ich nicht! ..Wir erlangen das vollkommenste Bürgerrecht voi der einen oder anderen Seite, das ist unfehlbar. Sodann werden wir uns immer am wenigsten ruiniren Denn würfen wir auch Millionen in diesen Abgrund, unsere Kapitalien sind weniger zugänglich, als ein adliges Vermögen. - Wir retten^also immer ein Vermögen. Und das ist schon eine große Sache, das gib! uns Kraft. Endlich ist es kein Zweifel, daß die Russen schließlich siegen, daß also jenes uns feindselige adlig, Element unterdrückt wird. Dann sind wir di.

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