Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 26 (2.4.1903)
- Date
- 1903-04-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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44. Jahrgang. „Zur Älärung." Die tempelstürzenden Hypothesen, welche Delitzsch in seinem „Babel und Bibel" ausstellt, haben in vielen Tageszeitungen eine zumeist kritiklose Zustimmung gefunden. Aber ein Echo ist weder ein Zeugniß, noch ein Wahrheitsbeweis. Von Männern der Wissenschaft, von Assyriologen wie Theologen, von sammtlichen Fachgenossen, haben seine Behauptungen eine einstimmige Abweisung erfahren. Delitzsch hat nun seinem ersten Vortrag einen zweiten folgen lassen, der aber seltsamer Weise trotz des Titels „Babel und Bibel", ausser einigem'wenigem, höchst anspruchslosem, archäologischem Kleinkram, so gut wie nichts von Babel enthält, . vielmehr eine mit' großer Leidenschaft geführte Polemik gegen den biblischen Offenbarungsglauben darstellt. Der Eifer reißt den Verfasser so mit sich fort, daß er biblische Zitate bringt, d'ie man vergeblich in der Bibel sucht, und daß er an anderen Stellen wiederum in einer geradezu unglaublichen Weise den einfachen und klaren Wortsinn der heiligen Schrift übersieht. Ein warnendes Beispiel, wie sehr Voreingenommenheit und Parteilichkeit die Besonnenheit trübt und verblendet. ' Durch den Widerspruch, den er erfahren hat, auf's höchste gereizt, und tief erbittert durch die Angriffe, zum Theil auch persönlicher Art, die von theologischer Seite gegen ihn sich richteten — wurde er doch sogar unlauterer Motive bezichtigt — hat er nun in der zweiten Auflage zu einem neuen Schlage ausgeholt, mit dem er dem Offenbarungsglauben des alten Testaments den Todesstoß versetzt zu haben wähnt. Es muß dabei die in der wissenschaftlichen Welt wohl einzig dastehende Thatsache festgestellt werden, daß Delitzsch es fertig bringt, zu gleicher Zeit drei einander widersprechende Ansichten zu vertreten. Während er nämlich in dem ersten Vortrag, und zwar noch in der mir vorliegenden letzten Auflage, die Propheten vom Partikularismus freispricht (a. a. O. S. 60). konstatirt er in seinem gleichzeitig herausgegebenen zweiten Vortrag (S. 39) eine „partikularistische Umgrenzung des Wortlautes und Wortsinnes" bei den Propheten. Aber indem er eben noch bekennt (a. a. O.), daß „die'erhabenen Stellen in den Propheten und Psalmen^ erfüllt von lebendigem Gottvertrauen und von Sehnsucht nach dem Frieden in Gott..., allzeit ^in lebendiges Echo in unseren Herzen finden werden." ja, daß Worte, wie die des Propheten Micha (Kap. 6, 6—8) „allen religiös Denkenden aus der Seele gesprochen seien," spricht er ganz unvermittelt ein schonungsloses VerÄikt über den Geist des gesummten alttestamentlichen prophetischen Schriftthupis aus. Also drei einander diametral entgegengesetzte Anschauungen fast im selben Athemzug. Man wäre geneigt. die Sache für einen Scherz zu halten, wenn es ihm nicht offenbar erbitterter Ernst damit wäre. Weil die alttestamentlichen Professoren ihn geärgert haben, schüttet er d'ie Schale seines Zornes über die akttestamenklichen Propheten aus. Aber auch dieser neue — und sicherlich nicht letzte — Angriff Delitzfch's prallt an dem Schilde der Wahrheit ab. Das 63. Kapitel des Jesajas, in welchem Delitzsch einen Erguß politischer Eifersucht und leidenschaftlichen Hasses sieht, ze!rgt uns in dramatischer Lebendigkeit das Gottesgericht, das auf Edoms Boden stattgefunden. Der Prophet sieht in seiner Vision staunend eine machtvolle, heldenhafte Gestalt von den Gefilden Edoms herschreiten, deren Gewand wie das eines Keltertreters bespritzt ist.' Er empfängt auf seine bestürzte Frage, was das zu bedeuten habe, die Antwort, daß dort ein schreckliches Keltern stattgefunden habe, welches Gott allein ausgeführt. Das Keltern ist hier, wie an manchen anderen Stellen der Schrift, ein Bild für das Gottesgericht, welches über ein voll äusgereiftes Maß von Sünde und Bosheit hereinbricht. Welches historische Ere'igniß dieser Vision zu Grunde liegt, ist nicht mit Bestimmtheit festzustellen. Sicher ist nur das eine, daß hier von einem göttlichen Strafgericht an einem gehässigen, treulosen (vergl. Obadja 1, 11) und blutgierigen Volke die Rede ist. (Ezechiel 36, 6: Weil du Lust zum Blute hast, sollst du dem Blute nicht entrinnen.) Wenn Delitzsch glaubt, daß die Edomiter diese harte Strafe nicht verdient haben-, so möge er mit Gott oder m'it der Weltgeschichte rechten. Man sieht nicht recht ein. warum er so furchtbar erzürnt ist über den Propheten, der uns in poetischer Form diesen geschichtlichen Vorgang meldet. Er könnte mit demselben Rechte jeden Historiker angreifen, der etwa den Untergang des napoleon.ischen Heeres auf den Schneefeldern Rußlands beschreibt, oder den Dichter, . der die Schlacht bei Waterloo besingt. Oder sollte das vielleicht ein Beweis für die sittliche Inferiorität des Propheten sein, daß er in der Weltgeschichte ein Weltgericht sieht? Ich glaube, daß doch gerade dieser Gedanke einem, modernen Menschen, der seinen Schiller gelesen, nicht gar so fremd fein dürfe. Wenn er aber in dem Vergleich des Gottesgerichtes mit dem Keltertreien den sittlichen Tiefstand des alttestamentlichen Propheten erblicken sollte, dann hat er übersehen, daß ebenfalls dasselbe Brtd sich mehrfach auch km neuen Testament findet. Offenb. Johannis 14,19. heißt cs: „Und der