Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-04-02 · Heft 26 (2.4.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 26 (2.4.1903)
Date
1903-04-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449916--57961-3522126
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

570 ./iV Schmelkrs in Lemberg eine Versammlung galkzischer Rabbiner getagt, welche sich mit einer Reihe zeitbewegender,. religiöser Fragen beschäftigte, besonders mit den Maßnahmen, welche geeignet sind, dem scheußlichen Mädchen-Handel, dem so viele galizischjüdische Mädchen arglos zürn Opfer fallenden Boden abzugraben. In Ausführung eines der von der Versammlung gefaßten Beschlüsse, bringt nunmehr Herr Oberrabbiner Sch'melkes .nachstehenden „Mahnrufs an die jüdischen Eltern" zur Versendung, welcher hoffentlich seine Wirkung thun wird." Nach dieser Einleitung mußte man annehmen, der Mahnruf der galizischen Rabbiner behandle in erster und hervorragender Reihe den Mädchenhandel. Obwohl die Thora und der Derech-Erez der Rabbiner Galiziens sie hinlänglich vor dem Verdacht schützen, sie könnten den Gegenstand mit der Taktlosigkeit öffentlich ausschlachten, mit welcher er anderweitig vorigen Sommer behandelt wurde, so zitterte ich doch vor jeder auch der rücksichtsvollsten öffentlichen Besprechung der Angelegenheit,, weil auch bei der besten Absicht und Einsicht Mißgriffe und Mißdeutungen auf diesem Wege kaum zu vermeiden sind. Daß die öffentliche Kundgebung der galizischen Rabbiner von dem schmählichen Handel auch nicht mit einem Sterbenswörtchen Rotiz nimmt, und so die gute. Meinung rechtfertigt, die alle Kenner des galizischen Rabbinerstandes von seiner Weisheit und seinem Takte haben, das ist es, was bei der Lage der Dinge dem Vorgehen der galizischen Rabbiner die aufrichtigen Sympathien aller Einsichtigen jedes Landes und jeder religiösen Richtung sichern wird. Denn es hat ja nicht an Bestrebungen gefehlt, die galizischen Rabbinen zum Aufgeben der Reserve zu überreden, welche die delikate Natur der Sache von Haus aus verlangt. Handelt es sich hier doch um eine allgemeine, internationale und interkonfessionelle Calamität, die als solche von einflußreichen Männern aller Culturvölker und aller religiösen Bekenntnisse erkannt und behandelt wird. Wenn selbst ein Land und die Bekenner einer Religion bei diesem Uetzei in besonders hervorragender Weise betheiligt wären, so bliebe es trotzdem unverantwortlich, darauf in einer Weise, öffentlich aufmerksam zu machen, wie es seitens des deutschen Rabbinerverbandes ' geschehen ist. Der deutsche Rabbinerverband ist gewiß von der Verblendung frei, daß er dem Gros feiner Mitglieder eine umfassenderetiefere Kenntniß der Thora zuerkennt, als - dem Gros. der. RaMner Galiziens. Äuch ist er sich.gewiß bewußt, daß die Charaktertugenden der einzelnen Rabbinen Galiziens denjenigen der deutschen Rabbiner nicht nachftehen. Aber, wenn er in dieser Angelegenheit dennoch glaubt, die Rabbinen Galiziens auf diese Misere erst aufmerksam machen zu müssen. sie ermahnen und über das, was sie zu thun und z, lassen, belehren, sie also, wie man hier fügt, bemutter zu sollen, so ist ein solches Vorgehen doch.nicht den! bar ohne die Voraussetzung: * .• ‘ >. - Die Rabbinen Galiziens mögen grundgelehrt Männer von erprobter Frömmigkeit und Lauterkeit de Charakters sein, aber hier in der vorliegenden Frag verstehen sie nicht, was die Zeit und die DringUchkei der Lage fordert, hier läßt sie ihr savoir vlvr im Stich, daß es nur ein Mittel gibt', diesem Jamme mit Erfolg entgegen zu treten, und das sind öffentlich Kundgebungen der galizischen Rabbinen, welche vor de Gefahr warnen, welche die galizische Judenheit bi drohte . f v:., - In diesem Sinne haben die treibenden Element des deutschen Räbbmerverbondes sich zuerst wieder holt brieflich an die Rabbinen Galiziens gewandi Hätten sie es dabei bewenden lassen,, so wäre gege diese wohlgemeinten Rathschläge,' auch wenn sie ari irrigen Voraussetzungen beruhen, und daher nicht dt erhofften Erfolge haben können, nichts weiter zu er innern gewesen. Die galizischen Adressaten hätte die an sie gerichteten Rathschläge auf ihren Werth un ihre Ausführbarkeit prüfen und sodann befolgen ode nicht befolgen können. Jetzt aber hat der deutsch Rabbinerverband die ca. Dreiviertelmillionen zählend jüdische Bevölkerung Galiziens vor aller Welt als de Herd denunzirt, aus dem sich das Laster rekrutirt, e hat die galizischen Rabbinen angeklagt, sie könnte dem U'ebel.steuern, wenn sie nur durch öffentlich Kundgebung auf die Gefahr aufmerksam machen wov ten, und sie könnten sich nicht einmal zu einem solche Schritt aufraffen; der deutsche Rabbinerverband hc sogar neuerdings einen Sendboten nach Galizien g< schickt, um für dieses Vorgehen Stimmung zu mache: man kann sich ohne viel Scharfsinn in die precär Lage versehen, in welche die Rabbiner Galiziens dürr diese ihnen ausgedrängten Rathschlage gebracht Werder Die galizischen Rabbiner müßten ja mit Blind heit und ägyptischer Finsterniß gestraft sein, wenn f den Nothstand. in dem sie leben, nicht besser sähen, al ihre fernen deutschen Nathgeber. Aber eine unbt fangene, den Verhältnissen entsprechende Prüfung, mu ihnen sagen, daß man dem Jammer durch papierr THaien nicht entgegen treten kann, daß man d'urr solche offentl. Kundgebungen die Calamität nur offizie bestätigt, ohne ihr abzuhelfen. Was auch geschehe kann, kann nur in dezenter, discreter, jede Oeffentlick feit ausschließender Weise geschehen, und geschieht au> ohne Zweifel. Und nun versetze man sich in die peiri liche Situation, in welche der deutsche Rabbiner verband die galizischen Rabbinen durch ferne unerbi ienen Rathschläge bringt! Befolgen die galizische Rabbinen den Rath ihrer deutschen Kollegen und suche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.