Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1846)
- Date
- 1846-05-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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151 anführen, daß das weitverzweigte und intelligente Familienhaus jenes Mannes, der ein Born des Heils für das europäische Israel geworden, nur noch zwei einzige Individuen, als Jschurun angehörig, aufzuweisen hat, und daß mit deren Absterben das ganze Haus für Israel abgestorben ist; ich könnte Ihnen vorsühren, daß noch in neuester Zeit der große Componist Meyerbeer, ungeachtet das letzte Wort des Vaters die strenge Festhaltung des väterlichen Glaubens den Nachkommen bei Entsetzung seines bedeutenden Vermögens befahl, dennoch seine einzige Tochter dem evangelischen Pfarrer Jonas zum Religionsunterricht übergab, daß ferner auch noch vor Kurzem ein dem Rabbiner nahe Verwandter mit seinem einzigen 12jährigen Sohne ähnliche Operationen vornehmen ließ. Ich will aber lieber meinen Blick von diesem nicderschlagenden Schattengemälde abwenden und mich darüber freuen, daß sich dasselbe noch in unseren Tagen zu einem Lichtgemälde umwandeln wird. Es find die Anfänge dazu gemacht, die Linien dazu gezogen — gezogen auf der Breite der Reformbestrebungen, die sich der Geister aller Klassen bemächtigt. Denn ich gestehe Ihnen, trifft gleich obige nicht sowohl ausgeführte als angedeutete grause Schilderung mehr das Charakteristische der hiesigen Judenheit als des hiesigen Judenthums, so ist doch die nähere Ursache davon im letzteren zu suchen, welches in ersterer, in seiner alten Gestalt, nur noch dem Namen nach leben konnte, und wo die Sache fehlt, da ist der leere Name zur Last und wird zum Makel, den man gern bei der ersten gegebenen Gelegenheit von sich wirft. Obige Zustände sind hier noch auf keine Weise ganz geschwunden, sie werden es aber in dem Maaße, als die sachliche wahrhafte Reform ihre Verwirklichung entgegeneilt. Erst wenn man die Sache hat, von ihr durchdrungen ist, schämt man sich auch ihres Namens nicht, denn erst so ist Namen und Sache dasselbe, und erst so ist man für beide eines Opfers fähig, und wie unfern Vorfahren ein solches für das ihrer Bewußtseinsstufe angemessene Judenthum gebracht, so wird auch unser Geschlecht ein Opfer zu bringen im Stande sein, wenn ihm nur sein Judenthum gegeben wird. Wenn es wahr ist — und wahr ist es — daß das Judenthum von der größten aller Ideen durch alle Zeiten getragen wird, so müssen auch diejenigen, welche seinen sachlichen Namen führen, und sollten sie auch auf der gemeinsten Bewußtseinsstufe stehen, im Stande sein, dasselbe in seiner Idee sowohl, wie in ihren religiösen Erscheinungsformen, selbst auf Kosten ihres eitlen Jchs, vor aller Welt zu behaupten. Die Zeit steht nahe bevor, wo man sich nicht mehr, wie cs bis jetzt wenigstens hier geschehen, bei solchen Fragen erschreckt fühlt, hustet, das Gesicht reibt und endlich kaum hörbar mit den ungangbaren Worten antwortet: „ich bin Mosait, Israelit oder sonst ein — it", over gar, wie dies auch oft hier vorkam, eine fremde Confession erheuchelt. Zu diesem Allem hat das am 2. d. M. eingeweihte Gottes- Haus eine Bahn gebrochen; denn christliche Rationalisten sowohl, wie Supernaturalisten, welche beide das Judenthum aus ganz verschiedenen Gründen, als eine sich überlebt habende Religion ansahen, sind dadurch überzeugt worden, daß dasselbe noch Lebenskraft und Saft genug besitzt, um sich aus sich zu regeneriren, daß eine so tief im menschlichen Geiste wurzelnde Idee, wie die des Judenthums ist, genug schaffende Kraft in sich selbst besitzt, um aus sich selbst ihre Erscheinungsformen zu jeder Zeitperiode gleichsam neu, wenn auch nicht zu schaffen, so doch ihren Anhängern ins Bewußtsein zu rufen, ohne zu anderen Confesfionen ihre Zuflucht zu nehmen und ohne ihr specifisch - jüdisches Gebiet zu verlassen, und daß endlich alles dasjenige von den Erscheinungsformen, was im Laufe der Zeiten als wesentlich hervorzutreten hat, schon in jener merkwürdigen Offenbarungsepoche, wenn gleich in localer, nichtsdestoweniger schon in ewig menschlicher Form gegeben ist. Dieser Rcgenerationsakt unserer Religion setzt, — ich weiß dies sicher — eine gewisse christliche Welt in Verzweiflung, so daß diese schon beginnt, in Christen Crypto-Juden zu wittem, wie wir einst in Juden Crypto-Christen wußten und mit gefpannter Spannkraft ihre schleichende Thätigkeit gegen Juden wie gegen Christen aufnimmt. Besondere Veranlassung hiezu hat der eingeweihte Reformgottesdienst gegeben, welchen ein Literat von der herrschenden Kirche in unfern Zeitungen den Deulschkatholiken offen anempfiehlt und noch manches Andere versteckt errathen läßt. Dieser Gottesdienst ist auch zum angepriesenen Tagesgespräche geworden in Gesellschaftsklassen der christlichen Welt, welche bis jetzt nur von Juden sprachen, wenn von Schacher, höchstens von der Börse die Reve war. / Briefe vom schlesischen Odergebiete- (Fortsetzung.) V. Herr Redakteur! Der hier zu Lande spukende Rübezahl kann niemand besser und treuer schildern, als dieser sich selbst. Wie Raff in seiner Naturgeschichte so würden auch wir es machen, wenn unsere Rabbiner nur Stimme und Sprache hätten. Doch man muß genügsam sein, und wir können es in diesem Falle um so eher sei, weil unser Rabbi Israel Deutsch so zu sagen als Representant der oberschl. Rabbiner, die er auch bekanntlich zum