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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-05-10 · Heft 19 (10.5.1846) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 19 (10.5.1846)
Date
1846-05-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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150 wachen man jetzt im vollen Interesse seines Glaubens zu machen wagt, so brauche ich Ihnen blos zu sagen, daß man bereits beginnt, vor christlichen Dienstboten von jüdischen Dingen zu sprechen. Früher sprach man in gewissen Kreisen von demjenigen, was mit dem Menschen geboren wird — seinem Glauben — entweder gar nicht, oder wenn einmal so ein ungeschlachter Fremder in seiner Unwissenheit das Gespräch dahin führte, so geschah es bei verschlossenen Thüreu; trat nun doch, zum Schrecken der herrschenden Anwesenden, das christliche Dienstmädchen plötzlich in die Stube, so stockte das Wort im Munde und man wurde bleich, als wäre ein unterirdischer Geist erschienen. Bei solcher allgemeiner Bestürzung war das Unglück des Mädchens oft noch größer als das der jüdischen Herrschaft, letztere wußte doch wenigstens, was die Ursache ihres Erbleichens und Erzitterns sei, während ein solcher Anblick dem unschuldigen Mädchen eine Welt von Verbrechen, die entweder es selbst, oder die Herrschaft angingen, durch den Kopf jagen mußte. Natürlich entfernt sich dasselbe wieder sobald als möglich, um in der Küche mit ihrer Gefährtin über den Unglücksfall zu berathschlagen, und es wagt wahrlich nicht eher wieder in die Stube zu treten, als bis es von der Herrschaft mehremals gerufen wird. Ist das Mädchen entfernt, so sieht man sich noch eine Zeit lang bestürzt an, und keiner wagt, das verunglückte Gespräch wieder aufzunehmen, bis etwa der vermaledeite ftemde Glaubensgenosse in seiner Unschuld alles andere als die wahrhafte Ursache der häuslichen unruhigen Niedergeschlagenheit errathend, die unglücklich unterbrochene Unterhaltung wieder anknüpst. Natürlich wird ihm jetzt nur ein halbes Ohr verliehen, es werden Interpellationen gemacht von Seiten des Gastgebers, welcher endlich, mit stierem Blicke nach der Thüre gerich tet, ob wohl keiner eintrete, „herein" zu rufen gezwungen ist, und das Schicksal des Gesprächs ist entschieden. Der Besucher, welcher dem Hausherrn wie ein deus ex machina erscheint, ist ein Lieutenant oder ein Referendarius, und wollte jetzt der unglückselige Fremde mit seinen langweiligen jüdischen Neuigkeiten fortfahren, nun! ich weiß nicht, was ihm geschehen würde, ob er gleich zur Thür hinausgeworfen, oder ob ihm der Zutritt ins Haus auf immer untersagt werden würde. Eine innere Stimme verkündigt dies ihm; er schweigt und zieht sich zurück, beleidigt darüber, weil alle unbekannten Anwesenden, außer ihm, dem Besucher vorgestellt werden; vorgestellt aber kann er nicht werden, denn er heißt: „Cahn" oder „Levi" und treibt noch überdies, dem Stande nach, so eine Art jüdische Profession. So waren die Juden hier noch vor kurzer Zeit, allerdings nicht alle, aber doch viele unter ihnen. Ich könnte Ihnen zu diesem schwach entworfenen Bilde, welches Sie nicht als eine Phantasie, sondern als ein Lebenstableau anzusehen haben, viele andere Bilder ähnlicher Natur hinzufügen; ich könnte Ihnen ein Schreckbild ausmalen, wie noch bis vor kurzem der Jude den Juden mied, wie er, dem christlichen Leumund gegenüber, lieber das nagende Gift der Verläumdung verschluckte, als daß er sich als Jude zu erkennen gab und widersprach, wobei der Verläumder an Nase und Kinn und Sprache des dem giftigen Geschosse aus falscher Scham sich Aussetzenden wohl erkannte, daß der Stachel des Sprechenden in das Herz des Hörenden, als eines Juden, tief eindringt, und dasselbe verwundet; ich könnte Ihnen haarsträubende Erzählungen davon geben, wie (um von den Kindern noch gar nicht zu reden) graue Väter und hochbetagte Mütter in ihren späten Tagen mit dem lügnerischen Worte: „Herr Je!" ihren zahnbcraubten Mund füllen, nicht mit der Absicht, den Gott ihrer Väter zu verleugnen und noch weniger dem zweiten Gott der europäischen Welt zu huldigen, sondern nur und lediglich um nicht als Jude zu erscheinen, denn sonst könnte man sich den Besuch des Lieutenants, die Gunst des Assessors verscherzen; ich könnte Ihnen ein Zerrbild vorführen, wie auf diese Weise —sei es, daß sich die Töchter selbst, oder daß die Andersgläubigen dieselben für Chistinnen halten, oder endlich, daß beide den Religionswechsel zu Gunsten der Andersgläubigkeit so federleicht, wie einen Kleiderwechsel, ansehen — ich sage, wie auf diese Weise, zwischen beide Liebesverhältnisse, oder besser Vermögensrücksichten von Seiten des scheinbar Liebenden — denn dieser, der Lieutenant, muß seine Schulden decken — entstehen, wie auf diese Weise Eltern ihre noch unmündigen Kinder dem evangelischen Pfarrer übergeben, um ihnen, wie man es nennt, Achtung und Stellung in der Gesellschaft zu erringen, um ihnen, bei ihrem Eintritt in die mündigen Jahre die Wahl der konfessionellen Selbstentscheidung zu nehmen, die Qual aber, im Status quo des Religionswechsels für immer verbleiben zu müs-; sen, auf ewig zu lassen; ich könnte Ihnen das seltene Faktum vorführen, daß von den vielen Hunderten von jüdischen Familien, welche zur Zeit Mendelssohns hier blühten, wohl noch kaum 15 werden zu finden sein, deren Nachkommen dem Gotteshause Israels entweder dem Stamme oder den einzelnen wieder zu einem neuen Stamme herangewachsenen Sprößlingcn nach, dem Erbe Israels getreu geblieben wären, so daß das biblische Wort: „es war kein Haus, wo nicht ein Todter" auf Berlin fast seine volle Anwendung findet, und daß so das Erlöschen der hiesigen Judenheit nahe bevorstände, wenn es sich nicht von Auswärts von Zeit zu Zeit der Art ergänzt hätte, daß trotz dem Allem, (mirabile dictio) trotz der etwa 2000 abtrünnig gewordenen Söhne Jakobs, dieselbe doch in 7000 Gemeinde-Mitgliedern zum Weinberge des Herrn zählt; ich könnte und müßte Ihnen ganz besonders

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