Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1846)
- Date
- 1846-05-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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L4S „historisch-positiven Standpunkt" nicht so viele Unkundige und Unselbstständige für sich gewinnen würde, als dieses bis jetzt der Fall gewesen. Die polnische Revolution und die Inden. Cu ttus-Fort sch ritte der Letzteren. □ (Krakau, im April.) — Die jüngst hier stattgefundenen traurigen Ereignisse gingen an keinem Theil der hiesigen Bewohnerschaft spurlos vorüber. Eine geraume Zeit wird verstreichen, ehe die hiesigen kommerziellen und socialen Zustände wieder in ihr ursprüngliches Geleise treten werden. Alle Erwerbszweige liegen ganz darnieder, namentlich der Handel, dessen Beförderung hier ausschließlich auf dem häufigen Verkehr mit dem Auslande beruht ist durch die gegenwärtigen Maßregeln der Regierung, die Eren, zen mit möglichster Strenge zu bewahren, ganz in Stockung gerathen. Die Zuden, denen der Handel allein ihre ohnedies kümmerliche Nahrung bietet, traf noch das Verbot, in Galizien zu reisen, auf sehr harte Weise; und die Noth, die schon früher bei einem großen Theil derselben hauste, wird nun von Tag zu Tag allgemeiner. Ihre Theilnahme an der Verschwörung war eigentlich nur äußerlich. Als Opfer derselben fiel nur Einer, der sich während die Oestreicher die Stadt beschossen, der Weichsel zu nähern gewagt hatte. Zwei, vr. Warschauer und der Rechtsgelehrte Kschepicki, wurden verhaftet, von denen jedoch Ersterer bereits auf freiem Fuße ist, LetztererRber, beschuldigt einer in einer Rere bekundeten allzugroßen Begeisterung für das polnische Vaterland, noch in strenger Haft ist. Er hielt diese Rede, aufgefordert von der Nationalregierung in polnischer Sprache in der Synagoge an die Israeliten. Nicht einmal auf Caution mehrerer angesehener Bürger wollte die Polizei ihn freilassen, indem sie meint, die Anklage wider ihn sei der Art, daß er nicht einmal auf Caution srcigelassen werden kann. Daher konnte er nur unter Begleitung einer Wache seine vor Gram gestorbene Mutter zum Grabe begleiten. Auch der Rabbiner Meiscls mußte in seiner Weise seine Gemeinde zum Aufstand anregen. Die Behandlung der Insurgenten gegen die Juden war auf die schonenvste Weise und der Haß, mit vem der Christ dem Juden zu begegnen pflegte, ist während der ganzen Zeit oer Insurrection in brüderliche Liebe umgewanrelt gewesen, wovon auch der Aufruf derselben an die Israeliten zur Genüge zeugt. Trotz dessen enthielten sich die Juden so viel wie möglich der Theilnahme an der Revolution. Dreißig Mann foreertcn die Insurgenten von ihnen; diese wurden von der niedrigen Klaffe aufgetrieben und vermittelst der Armenkasse ausgestattct. Fre.willig ging keiner. Was die äußere Civilisirung der hiesigen Juden betrifft, so macht dieselbe große Fortschritte. Fast der größte Theil der Jugend hat bereits die deutsche Kleidung angelegt, sogar der Sohn des Rabbiners. Auch in dem benachbarten Polen haben die Juden von dem hartnäckigen Sträuben gegen das Gebot des Deutschkleidens nachgegeben und an dem nächsten Charfreitag soll eine allgemeine Trachtumwandelung ftattfinden. Wie unbedeutend dies auch in Deutschland erscheinen mag , so ist es hier dennoch von großen Folgen und wir müssen den Regierungen dafür großen Dank wissen, daß sie Zwangsmaßregeln zur Abschaffung dieser mittelalterlichen Tracht anwandten, die die Juden, da sie einen religiösen Aberglauben nn't derselben verbinden, schwerlich so schnell fteiwillig abgelegt hätten. Der polnische Jude betrachtet sich in dieser auszeichnenden Tracht, so wie in seinen anderen Absonderungsgebräuchen für ein auserwähltes Wesen, für ein llNX umrQ - Volk. — In sittlicher und geistiger Beziehung find die hiesigen Juden noch in tiefem Verfall. Ihr hartnäckiger Starrsinn im Festhalten der noch so geringen und ganz ungegründeten Bräuche ist fast beispiellos. Vor Kurzem trat hier das ganze Beth - Din- Collegium zur Berathung wegen Mangel an Mehl für Pesach zusammen. Einer unter ihnen, erwägend die große Noth, die unter den Armen herrscht, machte den Vorschlag, die Hülsenfrüchte zu erlauben, da das Verbot derselben ja erst in der spätem Zeit eingeführt wurde und aller talmudischen Begründung entbehrt. Der Vorschlag wurde verworfen mit der Hinzufügung, man dürfe mehr .für das Jenseit als für das Diesseit besorgt sein. Nun können Sie sich einen Begriff machen, auf welcher niedrigen Stufe geistiger Bildung die hiesigen Zuden noch stehen. Wegen eines müßigen Rabbinen, der nichts Gottgefälligeres zu thun hatte, als all den Kram von Speiseverboten mit noch einer Erschwerung zu vermehren, müssen jetzt so viele Arme darben! Verfuhr doch der Talmud selbst in dieser Beziehung mit viel weniger Strenge und man könnte ihn fast von dem ihm so oft gemachten Vorwurf des Stabilitätsprinzips befteien, daß er so häufig zeitgemäße Abänderungen gestattete und daß er eine “inan m’W rD'TlDj;'? nie gelten lassen wollte. Aber die hiesigen Orthodoxen sind wahre Buchstabenmenschen, wollen den Talmud im Erschweren noch übertreffen, indem ihnen alle Erschwerungen nachtalmudischer Müsfiggänger willkommen find, mag auch der Arme darob verhungern. Und diesen Leuten, die aller gesunden Einsicht entbehren, soll unser geistiges Wohl, unser religiöses Heil anvertraut sei»!