Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 85 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Malier Breslauer-Berlin: Ueber die neuesten Wandlungen im Zionismus 85 berales Judentum" rühren von ihm her die gediegene (in pofert als Vortrag gehaltene) Abhandlung über „Die Schule und der religiöse Liberalismus" (%. Jahrgang \%2 5. 259 ff.) und der ohne Namensnennung in Nr. 7/8 des 9. Jahrgangs M7.'Seite-82 ff. erschienene Aufsatz: „Zur Bedeutung des Unterrichts im hebräischen." Ueberdie neuesten >X?clnäiungen im Äonismus. Von Dr. Walter Breslauer-Berlin. edanklich und in der Gemeindepolitik hat der jüdische Liberalismus heute am stärksten mit zionistischen Ideengängen und Organisationen zu kämpfen. Daraus erwächst ihm die Pflicht, die Entwicklung im Zionismus genau zu beobachten, auf alle Angriffe gewappnet zu'" sein, aber auch keine Verständigungsmöglichkeit außer Acht zu lassen.! Das letzte 'halbe Jahr hat dem aufmerksamen Beobachter viel Stoff zum Nachdenken gegeben; sielen doch in dasselbe die Erklärung von San Nemo, der Berliner Delegiertentag der deutschen Monisten und die Londoner Iahreskonferenz der Gesamtorganisation. Außenpolitisch hat der Zionismus bis und durch San Nemo unleugbar wesentliche Fortschritte gemacht. Der jüdische Anspruch auf Palästina ist von den zur Zeit maßgebenden Mächten anerkannt worden. Daß von Groß- Britannien dabei vor allem eigene, rächt jüdische Politik getrieben worden ist, ist klar, meiner Auffassung nach aber für die Bewertung des Erfolges der zionistischen Politik ohne Belang. Sicherlich können die Zionisten ihre pläne, wenn überhaupt, so am ehester! unter Englands Protektorat verwirklichen, hinsichtlich der unmittelbaren praktischen Auswirknngen des Beschlusses von San Remo wird freilich eine reichliche portion Skepsis am platze sein. Die nächste Folge ist ein progrom in Jerusalem gewesen, ein dort unerhörter Vorgang. Die nationalistische I Bewegung unter den Arabern hat eine naturgemäße Stärkung erfahren; ihr agressives Vorgehen ist von Teilen der englischen Verwaltung offensichtlich gefördert worden. Die Besorgnisse über diese -Entwicklung sind auf beiden zionistischen Tagungen deutlich hervorgetreten. Den Beschwichägungsversuchen eines Redners auf dem Delegiertentag, der Araber habe kein wahres Nationalgefühl, die presse sei auch nicht im Stande!, ihm solches einzuflößen, da er in seiner großen Mehrzahl Analphabet sei. erwiderte treffend ein Zwischenrufer: „aber er schießt!" Es soll nun nicht gesagt fein, daß es nicht den Zjiomsten mit Hilfe Englands gelingen könne, dieses Widerstandes Herr zu werden. Aber gerade weil die praktische palästßnaarbeit ihre Wechsel noch auf recht lange Sicht ziehen muß, der Zionismus also zunächst im wesentlichen geistige Bewegung bleiben wird, sind seine geistigen Wandlungen um so beachtenswerter. ' Es handelt sich insbesondere um das Auftreten der Amerikaner auf der Iahreskonferenz. Die zionistische Organisation hat in den Vereinigten Staaten eine sehr große Zahl von Anhängern gewonnen. Die Amerikaner konnten ihrer Zahl nach 29 Delegierte (mit einigen Nebenorganifationen etwa ^0) stellen, gegen 6 der zionistischen Organisation Deutschlands. Waren äuf früheren Tagungen die ostjüdischen und deutschen Zionisten zahlenmäßig und geistig ausschlaggebend, 'so hat sich das Kräfteverhältnis heute gründlich geändert. Der amerikanische Zionismus ist aber offenbar ganz anderen geistigelt Gehaltes wie der bei uns landläufige. Unser Zionismus entstammt dem Antisemitismus; er ist in Grundgedanken und Beweisführung meist dessen getreues Gegenbild. Seine Ursachen sind Unzufriedenheit, Skepsis, Pessimismus. Er ist groß in der Negation und sieht seine Hauptaufgabe darin, die deutschen Juden dem Interessenkreis ihrer Eltern und ihrer Umgebung zu entziehen und sie geistig auf Palästina vorzubereiten. Der amerikanischen Iudenheit liegen diese Tendenzen fern. Der Zionismus dort ist positiver Natur. Ihn beseelt der amerikanische Drang zu praktischer Tätigkeit. Seine Aufgabe sieht er darin, ein jüdisches Palästina aufzubauen. Daß im amerikanischen Zionismus der Gedanke lebendig fei, die jüdischen Massen Amerikas würden irgendwann einmal Veranlassung nehmen, in Palästina ihre Zukunft zu suchen, kann billig bezweifelt wer-