Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 84 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Dr. C. Seligmann-Frankfurt a. M.: Direktor Dr-. Michael Holzman z. s. 80. Geburtstag Direktor Dr. ITlidiael Holzman. Zu seinem 80. Geburtstag. Von Dr. C. Seligmann-Frankfürt a. M. m 27. Tebeth, d. i. am 7. Januar \^2\- beging ein Mann seinen achtzigsten Geburtstag, der zu den besten Männer des Judentums zahlt, wenn der Spruchdichter singt: „Eine Ehrenkrone ist das patriarchenalter, auf dem Wege der Sittlichkeit wird sie gefunden," so könnte dieses Wort auf M ichael Holzman geprägt sein. Ich lernte ihn vor Jahren in wildbad kennen, wir waren kurz vorher mit einander. bekannt geworden und gingen zusammen um die -Mittagszeit von der Enzpromenade her über den Rurplatz. Zluf einmal reißt sich der langsam neben mir wandelnde von meiner Seite los, eilt mit jugendlich raschen Schritten über den weiten Platz und — räumt eine Fuß-, bank, die mitten auf dem Wege liegt, hinweg, indem er sie zu den Tischreihen bringt, wo keiner mehr darüber stolpern kann. Solche kleinen Züge lehren uns einen Menschen kennen. Michael Holzman ist eine jener reinen, sittlichen Persönlichkeiten, von denen gesagt ist: „Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, lag, was uns alle bändigt, das Gemeine." Rein unreines Wort, kein unlauterer Gedanke wagt sich in seine Nähe. In seinen Augen flammt die Glut ehrlicher Begeisterung wie sittlicher Empörung. Aus dem Reich des wahren, Guten, Schönen strömt seine wunderbare Persönlichkeit. Es ist, als wäre eine priesterliche weihe über ihn ausgegossen. weil ihm die Wahrheit ein heiliges Gul ist, weil er die Unwahrhaftigkeit, auch jene, die sich selbst in Nebel hüllt, haßt, darum ist Holzman ein glühender Anhänger des liberalen Judentums. Ihn zu den Ihrigen zu zählen, ist der Stolz unserer Vereinigung für das liberale Judentum. Treu und wahrhaftig, mannhaft und entschieden, gediegen und bewährt, herzlich und gütig, bescheiden und anspruchslos — so steht er in jugendlicher Frische und Begeisterungsfähigkeit vor unserer Seele. Möge es dem verehrten Manne vergönnt fein, in rüstiger Gesundheit, hochverehrt und geliebt von allen, die ihn kennen, noch viele Jahre gebend und empfangend des Daseins sich zu erfreuen. Michael Holzman wurde im .Jahre \8^0 in Mstrowo geboren. Er ging in seiner Heimat in die jüdische Elementarschule und das Gymnasium, studierte hierauf in Breslau, wo er das jüdisch-theologische Seminar von \854 bis 1862 besuchte, und in Berlin Theologie und promovierte \Q66 in Halle mit einer Dissertation aus dem Gebiet der klassischen Philologie. Im.Oktober \866 wurde er Lehrer des Hebräischen an der Lehrerbildungsanstalt in Berlin und kurze Zeit später Lehrer an der Rnabenschule der jüdischen Gemeinde daselbst. Im Jahre J870 bestand er das Ober-, lehrerexamen und wirkte von \874 an als ordentlicher Lehrer am Sophien-Realgymnasium in Berlin. Nach dem Tode Horwitz' berief ihn die Berliner jüdische. Gemeinde an dessen Stelle im Jahre \882 zur Leitung der jüdischen Lehrerbildungsanstalt und der Rnabenschule der jüdischen Gemeinde. Im Jahre 490s erhielt er die Amtsbezeichnung „Direktor"i Unter seiner Leitung wurde die Präparandie als Vorstufe zur Lehrerbildungsanstalt eingerichtet. .Aus den zu eng gewordenen Räumen erstand auf sein Betreiben auf dem althistorischen Grund und Boden der stattliche Neubau der Lehrerbildungsanstalt, der am 8. November eingeweiht wurde. Bis zu seinem 70. Lebensjahre wirkte und lehrte Michael Holzman an seinen beiden geliebten Anstalten, die unter seiner Leitung zu hoher Blüte gelangten. Er war ein Lehrer von ungewöhnlicher Befähigung, zielbewußt und pflichttreu, von gediegenem reichen wissen und vertiefter Auffassung, von Wärme und Begeisterung getragen, eine durch sein sittliches Pathos und seine ideale Gesinnung imponierende, geschlossene Lehrerpersönlichkeit. In verehrungsvoller Liebe scharten sich um ihn, als den anerkannten Meister, Rollegen und Schüler. Außer seiner Dissertatton veröffentlichte Michael Holzman die ausgezeichnete „Geschichte der Jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin" (\909), den Artikel „Steinthal" in der „Allgemeinen deutschen Biographie", sowie mehrere Aufsätze und Besprechungen in Zeitschriften. In unserer Monatsschrift „Li-