Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 78 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Professor Dr. Gotthard Deulsch-Cincinnaii: Aus Urgroßvaters Tagen berühmten, mit allen trefflichen Eigenschaften geschmückten Rabbi Elijah Lsirsch, möge sein Licht strahlen, bis ein neues Licht über Zion erstrahlt! Ich habe meine Rechte lange Zeit, feit mein Meister seine Stelle angetreten hat, zurückgezogen ohne von Meinem, Gott sei Dank, guten Befinden zu berichten. Möge es meinen Meister nicht verdrießen, denn es lag nicht an mir, da nur selten jemand von hier dahin reist. Da aber jetzt sich das Wunder ereignet hat, daß mein teuerer und gelehrter Vater, den Gott behüten möge, dahin reist, will ich meinem Meister die Rachricht von meinem Wohlbefinden, Gott sei Dank, und von meinen Fortschritten im Studium, Gott sei -Dank, Mitteilung machen. Gegenwärtig studiere ich unter der Leitung meines gelehrten Vaters, möge ihn der Allerbarmer behüten, den Traktat Niddah Und darum erscheine-^ich mit zwei bis drei Zeilen um die Bitte auszusprechen, mir irgend eine Schwierigkett in diesem Traktat mitzutetten. Das wäre mir ein geistiges Labsal. Und nun.noch eine zweite Bittet) Schicken Sie mir, verehrter Lehrer, durch meinen teueren Vater irgend eine „Deraschah" zu meiner Hochzeit,denn ich weiß nicht, was der Tag bringen mag, und die Frommen beeilen sich mit dev Erfüllung ihrer religiösen pflichten^). Bitte, weisen Sie mich nicht zurück, sondern sprechen Sie: „Ich schicke nach Deinem Worte".50) Endlich komme ich noch mit einer anderen wichtigen Bitte. Möge mein Meister mir noch dieses Mal nicht zürnen^) und mich Mit dieser Bttte nicht hinter seinen Rücken werfen.br) Ich hörte nämlich, daß der *7) Hier gebraucht der Schreiber ein ganz unübersetzbares aber für den Briefstil jener Zeit charakteristisches Wortspiel. *s) Cs war Sitte, daß der Bräutigam sich vor den Hochzeitsgästen mit einem Vortrage über ein Talmudisches Thema „Drösche" produziere, daher Hochzeitsgeschenke noch heute im Bolksmunde „Drosche- Geschenk" heißen. *9) Ein aus Spr. 27, 1 und Talmud, Pesachim, 4, a zusammengesetztes Zitat. Eine Anspielung auf die Worte, Num. 14, 20, die eigentlich lauten: „Ich verzeihe nach deinem Worte," und als Refrain in. Hen Gebeten der Bußezeit sehr häufig Vorkommen. Derartige Wortspiele sind vis auf die neueste Zeit in der rabbinischen Literatur Osteuropas und des Orients das klassische Muster von Stilschönheit. «) Gen. 18, 32. 5*) 1. Könige 14, 9. Landesrabbiner gegenwärtig dort (in Austerlitz) wsilt. wollen Sie mtt ihm wegen deS ,,Lhower"b3) sprechen, denn es ist ihm bekannt, daß ich sein Schüler war, von dem Augenblicke, als er in dieses Land kam.^) wollen Sie auch so freundlich sein, mit dem gelehrten Löb Spitz, dem Landschreiber zu sprechen und auch meinem Vater zu sagen, daß er sich in dieser Sache eifrig 'bemühen soll und sicherlich kommt ejn gutes Werk durch gute Leute.""). Dieser Brief ist wahrscheinlich das Aonzept des später abgeschickten und darum Fragment geblieben, welch interessante, von der unseren, selbst von meinen frühesten Erinnerungen in demselben Milieu grundverschiedene Welt! Ein neuer Landrabbiner wird aus po* * len beschrieben. Ihm geht der Ruf eines! Wundertäters voran. Er war ein Schüler des ältesten Apostels der neuen Lehre des Chassidismus, Bär aus Miezdzyrzec, des „Maggid", dessen Nachkommen in der achten Generation noch heute das Geschäft einest Wunderrabbi in Sadagora betreiben. Als er in Nikolsburg einzieht, ereignet sich ein Mirafkel. Eine lange andauernde Dürre wird durchs sein Gebet gebrochen?«) Der Rabbi führt die Neuerung ein, nicht tin der „Allschul", der Rathedralsynagoge der mährischen Landesrabbiner, sein Gebet zu verrichten, sondern etabliert in Verbindung mit seinem eigenen Hause eine Betstube, das chassidische „Stübel", die als „Lhassidimschul" bis auf die 65) unterste rabbinische Würde. 5i) Der Lanörabbiner jener Zeit war Samuel fSchmelke) Horowitz, der ältere Bruder des berühmteren Pinchas Horwitz in Frankfurt a. M., der von 1775 bis zu seinem am 28. Februar 1778 erfolgten Tode in Nikolsburg fungierte. (Löw: Gesammelte Schriften, II, 170—171; Kaufmann: Gedenkbuch, 380—381; Willibald Müller: Beiträge zur Geschützt der mährischen Judenschast, 106—118. öS) Sabbath, 32, a. ' 66) Löw, Ges. Schr. II, 170. Die Jahreszahl 1773 ist jedenfalls unrichtig, da nach Willibald Müller, a. a. O. Rabbi Schmelke am 14. Dez. 1774 gewählt und erst am 21. Januar 1775 von der Kaiserin bestätigt wurde. Der Regen kann nur im Sommer so ersehnt gewesen fein. Nach einer mir persönlich gegebenen Mitteilung des am 9. Mai 1890 verstorbenen Dajan Moses Löb Kohn fand der Einzug des Rabbi am Mittwoch der Thorahvorlesung „Schlach", 24. Juni 1775, statt. Nach Rabb Moses Löbs Angabe hat es seither an diesem Jahres-! tage in Nikolsburg alljährlich geregnet. Es war! allerdings der Fall in dem Jahre, in welchem er mir diese Geschichte mitteilte.