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Liberales Judentum · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 74

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
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74; Professor Dr. Gotthard DeuLsch-Cinemnaü: Aus Urgrotzvaiers Tagen das im Studium hebräischer Grommattk, in der Fortsetzung der exegetischen Arbeiten Moses Mendelssohns, in dem gelegentlichen herausdrechseln eines hebräischen Gedichtes und etwa in der Aufgabe kabbalistischer Gebräuche und der überspanntesten Forderungen der Ritualfrömmigkeit das einfache Mittel zur Herstellung einer Harmonie zwischen dem Judentum der Vor-Mendelssohnschen Zeit und ihrer eigenen Umgebung erblickte. Salman Wolf, oder, wie er offiziell hieß, Salomon Deutsch, war in Kanitz, einem Städtchen von etwa 6000 Einwohnern im Bezirk Brunn in Mähren im Jahre \755 geboren. In der Verschiedenheit der Namen liegt schon ein Stück Kulturgeschichte des jüdischen Volkes, wenn Salomon Deutsch zur Thora gerufen wurde, hieß er Iekuthiel Seeb; im gesellschaftlichen Leben unter den Seinen Salme Wolf. Ein kurzer Exkurs über jüdische Namen, der die jüdische Kulturgeschichte des letzten Jahrhunderts illustriert, mag am Platze sein. Iekuthiel kommt nur einmal in der Bibel vor?) und wird von den Rabbinen mit Moses identifiziert?) Das ist wohl der Grund, daß der Name im Mittelalter populär wurde und Ln der berühmten Kalonymus Familie unter den synagogalen Dichtern des \2. Jahrhunderts und den Unterzeichnern des den Juden von Speyer erteilten Privilegs 4090 vorkommt?) Derartige Namen waren der Umgebung offenbar unbequem und wurden daher gegen geläufigere wie Salomon oder gegen Kosenamen wie Süßkind und Sußmann umgetauscht. Für das dreizehnte Jahrhundert besitzen wir das Zeugnis Ascher ben Iechiels, der ^305 von Deutschland nach Spanien auswanderte, daß es die Gewohnheit der Juden sei, ihre Namen der deutschen Sprache zu, assimilieren?) Aus diesem Grunde, und nicht aus religiöser Scheu wie I. Lhr. Wolf meint?) sind Namen wie Jakob in Iokew verwandelt worden. *) 1. Chr. 4, 18. b) Megillah, 13, a; Pirke R. Eliezer, Cap. 48. 6) Zunz: Literaturgeschichte, p. 157. Zeitschr. b. Gesch. d. Juden in Deutschland, I., 133. 1887. Ascheris Noten zu Gittin, fol. 34, d; IV, 7. Josef Caro, Comm. zu Tur Eben Ha-Ezer, 129. Steinschneider: Hebr. Bibliogr. III, 80. «) Bibl. Heb. HI, 440. Deutsche Juden hatten von ihren Nachbarn den jetzt noch unter alten Adelsgeschlechtern vorkommenden Brauch, Tiernamen zu wählen, wie Wolf Graf Baudissin, Hundt von Radowsky, Ganz Edler zu putlitz, übernommen, und ein abergläubiger Brauch späterer Zeit schrieb diesen Namen die Kraft zu, das Leben des Kindes zu beschützen, so daß in einem Falle, wo eine Familie Kinder verloren hatte, dem spätertzGeborenen ein Tier- , name als zweiter.Name gegeben wurde. Das berichtet Uns z. B. Hermann Schiff, der Vetter seines, dessen ursprünglicher Name David Bär war?) Lin solcher Name wurde dann ins hebräische übersetzt, Wolf- Seeb,' Bär-Dob, Loewe-Arjeh, obwohl hie und da auch die diesen Tieren in dem Segen Jakobs entsprechenden Namen gewählt wurden, wie Benjamin für Wolf, Iudah für Loewe, Naphtali für Hirsch. In sehr alter Zeit hatte man übrigens nichtjüdische Namen neben den jüdischen oder auch ganz unabhängig von diesen gewählt. Der Hofjude des merovingischen Königs Lhilperich heißt priscus,9 10 * 12) und Alcuin er? zählt uns von einem jüdischen Zeitgenossen Karl des Großen, der Julius hieß?*) In lehr alter Zeit wird schon über eine Mimose bei den Juden geklagt, die ihre hebräischen Namen gegen anklingende lateinische vertauschen.^) Diese Sitte blieb nicht auf die christlichen Länder beschränkt. Wir kennen Abulhassan Iudah halevi und Merwan Ibn Ganach. Der Apostat Samuel ben Iachja al- Mogrebi, der im \2. Jahrhundert lebte,^berichtet, daß die Juden seiner Zeit neben ihrem 9) Mitteilungen zur jüd. Volkskunde, N. gr* I., 125. Berlin, 1905. Graetz, Geschichte, V, 49, 3. oä. n) Güöemann: Geschichte des Erziehungswesens rc. II, 12. 12) Der Midrasch zählt unter den Verdiensten, um derentwillen unsere Vorfahren aus Egypten befreit wurden, die Tatsache, daß sie ihre Namen nicht änderten, an erster Stelle auf und fügt erläuternd hinzu: „nicht wie in unserer Zeit, wo sich Reuben Rufus und Iudah Julianus nennt." (Cant. Rabba, Cap. 4. Die Parallelstellen hat Buber in seiner Ausgabe der Pesikta, p. 83, d verzeichnet.^ Die Bestimmung des Alters eines Midrasch ist wie Zunz (Gottesdienst!. Vortr. 320). bemerkt, niemals, sicher, und im Falle einer einzelnen Stelle dank der willkürlichen Behandlung des Textes ganz ausgeschlossen, doch zeigen die lateinischen Namen/ daß die Klage noch hinter, die Zeit-Karl.d. Gr. zurückgehen muß.

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