Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Professor Dr. Gotthard Deutsch Cincinnati: Aus Urgroßvaters Tagen 73 edler und gemütlicher Geselligkett und in& besondere geläuterter, jüdischer Gesinnung und jüdischen Selbstbewußtseins sein. Einem solchen Vereine anzugehören, seinen Versammlungen und Veranstaltungen regelmäßig beizuwohnen, das müßte allen unseren erwachsenen Töchtern Pflicht und Freude sein. Reine von ihnen sollte sich dafür zu fein und vornehm dünken. Denn Zechte Feinheit und Vornehmheit besteht nicht in lächerlicher Selbstüberhebung und Exklusivität, die nur zu oft mit Geistesdürre und Gemütsleere verbunden ist, sondern in dem Aufsuchen von Quellen, aus denen feine und vornehme Gesinnung und Lebenshaltung zu schöpfen ist. Die Zetten, welche uns bevorstehen, werren rauh und hart sein, es wird ein eisernes Zeitalter sein; — und auch die Frauenwelt wird es zu spüren bekommen. Das friedsame, idyllische, aber auch enge Dasein der Frau ist zu Ende. Mir mögen es bedauern und beklagen, aber es wird der Frau Ersatz dafür geboten werden durch gesteigertes Selbstbewußtsein, durch das befriedigende, stolze Gefühl, Mitarbeiten zu dürfen und zu können an den ' höheren Aufgaben der Gemeinde, des Staates, der Menschheit. 3n diesem Sinne und zu diesem Zwecke mögen unsere Töchter erzogen werden und sich selbst erziehen. Nus Urgroßvaters lagen. Von Dr. Gotthard Deutsch, Professor am Hebrew Union College in Cincinnati, G. as ich erzählen will, enthält keine welterschütternden oder heroischen Ereignisse, sondern Züge aus dem Leben eines schlichten Alltagsmenschen, der in einem kleinen mährischen Städtchen lebte, dort wie alle seine Glaubens- und Stammesgenossen sich vom Kleinhandel schlecht und recht ernährte, nur die eine Ambition kannte, in der Gemeinde ein Amt zu bekleiden, als Vorbeter zu dienen oder durch fromme Merke sich die Anwartschaft auf himmlische Seligkeit zu erwerben, seine Rinder, wenn sie das nötige Alter erreicht hatten, „versorgt", d. h. verheiratet zu sehen, und dann seinen Lebensabend in beschaulicher Frömmigkeit, ungestört von den Ansprüchen der Melt zuzubringen, bis er in die himmlische „Ieschibah" einberufen würde. So einfach — und leider auch fragmentarisch — die Erzählung ist, halte ich sie doch für geeignet, ausgezeichnet zu werden. Jüdische Geschichte ist lange genug mißverstanden worden, indem man sie auf die Darstellung feindlicher Gesetzgebung, brutaler Verfolgungen und rabbinischer Literatur beschränkte. Die Alltagserlebnisfe der Massen, ihre Leiden, Freuden, Beschäftigungen und Hoffnungen sind darüber vernachlässigt worden, sowie die Quellen zu küssen Studien durch Mißverstand und Gleichgiltigkeit vernichtet wurden Und noch täglich der Vernichtung anheim fallen. was bedeutet das Mort „Urgroßvater" als historischer Begriff? Es bedeutet die Typen, die ein Jahrhundert vor unserer Zeit gelebt haben, wir können ein Jahrhundert drei Generationen Meilen und die Aera unserer Urgroßväter als die Aera bezeichnen, die ein Jahrhundert vor unserer Zeit ge-- lebt hat. Damals ließ man sich, wie wir das aus der Geschichte Jonathan Eybeschütz's*) kennen, der seine Rinderjahre in der unmittelbarsten Nähe meiner Heimat zubrachte, von gelehrten Rabbalisten Amulette zum Schutz gegen Fieber verschreiben. Man schickte seine Söhne, wie wir das z. B. von dem <ßrofr» onkel Heinrich Heines, Simon von Geldern wissen, auf die Iefchibak?) nach Fürth, Frankfurt oder Prag, und das höchste Ziel des Ehrgeizes war, wie uns das aus der Geschichte von Heines Großvater, Lhajim Bückeburg bekannt ist, „einer der zehn ersten Besucher des Gotteshauses" zw sein und nach dem Gottesdienste noch einige Rapitel der Psalmen zu rezitieren?) In der nächsten Generation hat sich das freilich geändert. Mein Großvater dürfte das hebräische Aufklärungssystem repräsentteren, 1) Jewish Encyclopedia, V, 308—310. 2) Kaufmann: Aus Heinrich HeineS Ahnensaal, Breslau, 1896. S. 102. s) Gronemann: Genealogische Studien re. Berlin, 1913, S. 25.