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Liberales Judentum · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 72

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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72 Mathilde Wertheim, Aachen: Zukunftsaufgaben unserer weiblichen erwachsenen Jugend J Und wie im öffentlichen Gottesdienste, so war es auch im Gemeindeleben. Ueber die Angelegenheiten und Bedürfnisse der Gemeinde hatten nur Männer zu bestimmen, nur sie konnten die Vorsteher und Vertrauensleute wählen und als solche gewählt werden. Auch Frauen tnnzuzirzieben, das kam kemein in den Sinn, nicht einmal den Frauen selbst; denn die Frauen waren es zufrieden, so behandelt zu werden und nahmen es den Männern auch nicht übel, daß diese in ihrem täglichen Morgengebete sprachen: „Gelobt seist Du Ewiger unser Gott, König der wett, daß Du mich nicht zum Weibe geschaffen hast." Das ist nun in unserer Zeit anders geworden. Gott sei Dank! Die jüdischen Frauen haben angefangen das Unwürdige dieser religiösen Minderbewertung zu fühlen, haben angefangen, sich Geltung zu verschaffen, im öffentlichen Leben mit tätig zu sein. Und das nicht zum Schaden des Judentums. Das heutige Judentum bedarf der Stütze und Mitarbeit vieler, um den Stürmen von außen und den Gefahren von innen standzuhalten, warum sollen die Kräfte, die im Frauengeschlecht schlummern, unbenutzt und latent bleiben und nicht vielmehr dem Gemeinwohl zu Nutz und Frommen sich entfalten!? Ist man doch endlich zur Erkenntnis gelangt, sie von der Tätigkeit im staatlichen und kommunalen Leben nicht auszuschließen, sondern sie akttv und passiv als Wähler und Gewählte,. an der Leitung und Bestimmung der öffentlichen Angelegenheiten teilnehmen zu lassen, warum soll darin das Judentum rückständig bleiben, warum soll das dem Christentum angehörende Wort immer noch Geltung haben: „Die Frau schweige in kirchlichen Sachen." In Synagoge und Gemeindestube muß auf die Frau Rücksicht genommen werden. In der Synagoge muß der Gottesdienst fo beschaffen sein, daß er auch den Frauen etwas bringt und gibt; daß er nicht nur die religiösen Bedürfnisse alter Männer, die vielleicht noch etwas hebräisch verstehen, oder es wenigstens lesen können, befriedigt, sondern auch den Frauen zu Kerzen geht und die Frau religiös stimmt. Die Frauen sind ja heutzutage als Mütter fast allein die häuslichen Erzieher der Jugend, was für ein Geschlecht kann da hexanwachsen, wenn die Mütter selbst der Religion entfremdet sind. Ls stünde heute besser um das Judentum, wenn man dies schon längst eingesehen hätte, wenn die Frauen in der Synagoge das gefunden hätten, was sie befähigt und bestärkt, die Eindrücke, die sie im Gotteshause empfangen, in ihr Ls aus zu verpflanzen. Und die Frau in der Gemeindestub ei Ein demokratischer wind streicht jetzt durch die deutschen Lande, und es kann nicht ansbleiben, daß er auch in die jüdischen Gemeindestuben dringen wird. Die Gesetzgeber der Gemeinden müssen überall das Gemeindestatut einer gründlichen Revision unterziehen und ein neues Wahlrecht schaffen. Und dann wird auch die Frau endlich zu ihrem Rechte kommen, war es bisher nicht ein himmelschreiendes Unrecht, daß die Frau nicht den geringsten Einfluß auf die Gemeindeverwaltung hatte? wenn die Frauen für fähig und würdig gehalten werden, in die Reichs- und Stadtparlamente zu wählen und gewählt zu werden, müssen sie auch fähig und würdig genug sein, in die Verwaltung einer Synagogengemeinde mit dreinzureden. Sie müssen zu Synagogenvorsteherinnen gewählt werden, zu Repräsentanten und in den Vorstand. Die' Gewissenhaftigkeit und die pflichttreue, die die Frauen im allgemeinen auszeichnet, das aus der Verantwortung erstehende Interesse wird für die Gemeindeverwaltung wie für die Frauen selber ihre guten Früchte tragen. Damit aber in Zukunft die Frau im öffentlichen jüdischen Leben Ersprießliches leiste, dazu müssen unsere Töchter frühzeitig erzogen werden, um Sinn und Interesse für jüdische Angelegenheiten und Liebe zum Judentum zu gewinnen. Im Hause müssen jüdische Zeitungen und jüdische Bücher gelesen werden, muß man sich über jüdische Fragen unterhalten, damit unsere Tächter genügend vorbereitet werden, um sich eine eigene Meinung, ein selbständiges Urteil über das, was die jüdische Gemeinde betrifft zu bilden. Unsere Töchter müssen in der Synagoge konfirmiert werden. Sollten nur die Knaben Barmizwa werden, und die Mädchen nicht? hervorragende, erziehliche Wirkung aus unsere schulentwachsene Jugend — männliche', wie weibliche — auszuüben, ist der ausgesprochene und dankenswerte Zweck der j üdischen Jugendvereine. Die jüdischer Jugendvereine wollen eine pflanz- und Pflegestätte geistiger und sittlicher Bildung,

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