Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126600-3126605--2600-3521982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

H Malhilde Werlheim, Aachen : Zukunstsausgaben unserer weiblichen erwachsenen Jugend 71 halten. Es wäre verkehrt, wenn Eltern aus Vornehmtuerei ihre Töchter nur zum Ergeei- . fen des ohnehin sehr überfüllten akademischen Berufes für geeignet hielten. Es gibt außer-dem akademischen Berufe viele -andere Berufsarten, die einem tüchtigen und fleißigen Mädchen einen guten Erwerb sichern. Erweisen sich aber unsere Töchter im Erwerbsleben als tüchtige und fleißige Menschen, dann können sie eher darauf rechnen, die Sympathie und das vertrauen der zur Heirat geneigten Männerwelt zu finden, als durch die immer höher hinaufgeschraubte elterliche Mitgift in barem Gelde, denn sie tragen die schönste und sicherste Mitgift in sich selbst, in ihrer eignen Rraft, in ihrem eigenen Mert. Sie werden im harten Erwerbs- und Lebenskämpfe ihren Ehemännern zuverlässige Helferinnen und echte Kameradinnen sein. lvie sollen wir unsere Töchter Zu Jüdinnen erziehen? Denn Jüdinnen sind sie nicht schon durch ihre Geburt, nicht dadurch, daß sie von indischen Eltern abstammen, denn das wäre ein Gefäß ohne Inhalt, ein Rörper ohne Geist. Durch die Erziehung erst, die sie mit jüdischem Geist, mit jüdischer Empfindung, mit jüdischer Gesinnung erfüllt, sollen sie zu Jüdinnen gemacht werden. Die jüdisch-religiöse Erziehung ist es, die innerlich und wahrhaft den Juden zum Juden, die Jüdin zur Jüdin macht. Nichts ist sündhafter und törichter, als unsere Töchter ohne religiöse Erziehung aufwachsen zu lassen. Sündhaft, weil es eine schwere Unterlassungssünde wäre, ihnen den Schutz, den Trost und den Halt, den ihnen nur die Religion geben kann, und den sie im späteren Leben nötig haben werden, die Wirkung der Religion auf das Gemütsleben, das beim weiblichen Geschlecht besondere Befriedigung verlangt, von vornherein zu nehmen. Töricht, denn «nach außen, bei den Andersgläubigen, gelten sie trotz ihrer Religionslosigkeit als Juden, tragen also die Unbequemlicheit und die Last, die damit verbunden ist, ohne die Wohltaten zu genießen, die ihnen die Religion zu geben imstande ist. Ernste und vernünftige, ihrer Verantwortung sich bewußte jüdische Eltern können daher ihre Töchter nicht ohne religiöse Erziehung aufwachsen lassen. Wo es doch geschieht, da ist eben jene Flachheit und | innerliche Leere, die ein Rennzeichen einer überwundenen Periode ist. Heimkehr zum Judentum, zu Ernst und Lebenstiefe, zu den großen Werten einer einzigartigen geschichtlichen Vergangenheit ist das Sehnen eines neuen starken Geschlechtes. Dieses oft noch unbewußte Sehnen zu wecken und zu fördern, Anhänglichkeit, Interesse für alle jüdische« Angelegenheiten anzuregen, ist die Aufgabe der jüdischen Erziehung. Bis in unsere Zeit war bekanntlich die' Frau von der Teilnahme an den öffentlichen jüdischen Angelegenheiten fast ganz ausgeschlossen. Nicht zu allen Zeiten war dem also. Denn, Inder biblischen Zeit hören wir von einer Mirjam, der Schwester Moses und Arons, die Prophetin und Führerin, von einer Deborah, die Richterin und Dichterin war, von einer Batseba, die Einfluß auf die politischen Angelegenheiten hatte, von einer Hulda, die von einem Rönige um Rat gefragt wurde, von einer Esther, in deren Hand das Schicksal ihres Volkes gelegt war, von einer Judith, die ihr Volk durch ihren Mut von dem Feinde befreite. — In späterer mittelalterlicher Zeit änderte sich das, da wurde die Tätigkeit der Frau auf das Haus zurückgedrängt, und man glaubte dies umso sicherer bewirken zu können, indem man sie von den verschiedenen religiösen Pflichten, die den Männern oblagen, entband, damit sie sich ausschließlich ihren häuslichen Pflichten widmen konnte. Das war vielleicht gut gemeint und lag im Geiste der Zeit, aber es hatte doch die Folge, daß die Frau mit den geringeren Pflichten auch geringere Rechte hatte, daß sie im öffentlichen jüdischen Leben für minderwertig, wenn nicht gar für ganz wertlos gehalten wurde. Im öffentlichen Gottesdienste kümmerte man sich um die Frau nicht, wurde auf ihre religiösen Bedürfnisse keine Rücksicht genommen. Der öffentliche Gottesdienst war nur für die Männer da, den Frauen wurde im Gotteshause auf der dicht verhängten Tribüne der Platz angewiesen, da konnten sie ungesehen und unbeachtet von den Männern dem meist unverstandenen Gottesdienste folgen oder was vielleicht näher lag und mehr Reiz auf sie ausübte, eifrig schwatzen. Zehn erwachsene männliche Teilnehmer waren notwendig zur Veranstaltung des öffentlichen Gottesdienstes; Frauen, und wenn sie noch so zahlreich anwesend waren, zählten nicht mit, konnten kein Mnjan bilden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.