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Liberales Judentum · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 70

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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70 Mathilde Wertheim, Aachen: Zukunfisaufgaben unserer weiblichen erwachsenen Jugend ll Uebersehen wir jedoch nicht, daß wenn auch in der Ehe der Frau eine würdigere Stellung eingeräumt ist, außerhalb der Ehe das Frauengeschlecht immer noch unter zahlreichen Vorurteilen, Beschränkungen und Ausschließungen zu leiden hatte. Das hat nun Ln Deutschland mit einem Schlage aufgehört. Das Wort: „Freie Bahn für jeden Tüchtigen" wurde in die Tat umgesetzt, und auch dem Frauengeschlecht, wurden die gleichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Rechte eingeräumt, wie den Männern. Dem Gebrauch von Rechten muß aber die Erfüllung entsprechender Pflichten gegenüber stehen. Mit den neu verliehenen Rechten muß die Frau auch neue und nicht immer leichte Pflichten übernehmen, damit sie sich der Stellung, die ihr jetzt «gegeben ist, auch würdig zeige. So ist ein neues, von Grund auf verändertes Zeitalter für das 'Frauengeschlecht angebrochen. Die Frau muß, entsprechend der gründlich veränderten Zeitlage andere Lebensgrundsätze, andere Lebensauffassungen, eine andere Lebensweise sich aneignen. Sie muß zu diesem Zwecke umlernen, und das Heranwachsende Geschlecht muß anders erzogen werden. Wie wurde bisher das Frauengeschlecht erzogen? wenn ich mich anschicke, diese Frage mit Beziehung, auf die jüdische Frau der letzten Generation zu beantworten, so habe ich weniger den gesunden, unverdorbenen Mittelstand im Auge, als vielmehr die Kreise, die sich die feinen und vornehmen dünken. Es soll nicht geleugnet werden, daß seit einigen Jahrzehnten auf die geistige Ausbildung des weiblichen Geschlechtes mehr Sorgfalt verwendet wird, als früher; insbesondere durch Errichtung von Schulen, in welchen immerhin ein erweiterter Kreis von Kenntnissen und Wissensstoff eröffnet wird. Allein diese höheren Töchterschulen sind bisher in ihren Zielen noch unsicher und schwankend, sind sich über den Umfang und die Behandlung der Lehrgegenstände noch nicht einig geworden und über das Stadium lastender versuche nicht hinausgekommen. — Und nun erst die spätere häusliche Erziehung, die darauf angelegt zu sein schien, die etwaigen guten Eindrücke, die unsere Töchter in der Schule als Grundlage erhielten, schnell wieder Zu verwischen! Raum hatten unsere höheren Töchter den Schulstaub abgeschüttelt, da versanken sie vielfach in die Flachheit und Nichtigkett eines leeren und unnützen Lebens. Ernste Tätigkett, die Ausbildung und Veredlung des inneren Menschen wurde als etwas Lästiges und Ueberflüssiges verworfen und vernachlässigt. Die Lektüre prickelnder Romane, die vielfach zur Schund- und Schandliteratur gehören, bildeten oft die einzige geistige Nahrung. wir leben in einer ernsten, düsteren Zeit, und allem Anschein nach werden die Zeiten immer ernster und schwerer. Das sollen und müssen unsere Töchter begreifen lernen. Bei aller Heiterkeit und allem Frohsinn, die wir der Jugend gönnen und wünschen, geht eS doch nicht mehr an, daß unsere Töchter wie bisher tändelnd, oder einer Scheinbeschäftigung hingegeben, warten, ... bis ... sie in die Ehe treten, die für sie eine Versorgungsanstalt werden soll. Es braucht nicht darauf hingewiesen zu werden, daß durch die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, die uns der Krieg und seine Folgen gebracht, die Verehelichung unserer Töchter immer schwieriger und damit die Aussicht auf ihre Versorgung immer unwahrscheinlicher wird. Unsere Töchter müssen daher so erzöge« werden, daß sie auf alle Fälle gerüstet sind, also: daß sie auf eigenen Füßen stehen und sich gegebenenfalls selbst ernähren, können. Dazu müssen sie aber arbeiten, ernst arbetten lernen. Auch in den besitzenden Klassen muß mit dem Vorurteil gebrochen werden, daß die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechtes als etwas minderwertiges betrachtet wird. Ebenso, wie es als selbstverständliche Pflicht gilt, daß die jungen Söhne aus den besitzenden Klassen, sobald sie aus der Schule entlassen sind, zu einem Berufe vorbereitet werden, in welchem sie später ihren Erwerb finden können. Den Angehörigen des Frauengeschlechtes sind ja jetzt viele Berufsarten und Erwerbsmöglichkeiten, die ihnen vor, Jahren noch verschlossen waren, zugänglich geworden./ Die Auswahl ist groß, und es liegt an ihnen allein, die richtige Wahl zu treffen. Die richtige Wahl! Denn hier muß mit großer Vorsicht vorgegangen werden. £jier müsjen die Eltern, als die berufenen und natürlichen Ratgeber ihrer Töchter, deren Begabung und Neigung gewissenhaft prüfen und von Verblendung, Ueberhebung und Eitelkeit sich fern-

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