Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I Maihilde Werlheim, Aachen: Zukunftsaufgaben unserer weiblichen erwachsenen Jugend 69 wurde, bedeutet die Aufrichtung eines neuen jüdischen Partikularismus anstelle des absterbenden altorthodoxen parttkularismus. Dieser Nationalismus mußte zum schärfsten Gegner des universalistischen Judentums werden und Ln der Orthodoxie einen xartikularistischen Bundesgenossen erblicken, wenn der Zionismus das liberale Judentum der Assimilation beschuldigt, wenn es den weltumspannenden Missionsgedanken verspät et, so handelt es aus dem instinktiven Gefühl, daß jn diesen universalistischen Tendenzen die Rraft und Bedeutung des liberalen Judentums liegt. Zwischen diesem Nationalismus und dem liberalen Judentum kann darum keine Freundschaft sein. Zwei prinzipielle Weltanschauungen oder tebenstriebe stehen sich hier gegenüber. Aber wenn der Zionismus, wie es in manchen erfreulichen Erscheinungen der jüngeren zionistischen Bewegung zutage tritt, nichts anderes erstrebt, als eine Heimkehr der Entfremdeten zum Judentum, als eine Neubelebung des jüdischen Selbstbewußtseins, wenn er nichts anderes sein will als ein Sturm der durch die jüdischen Seelen geht, um sie aus Verflachung, Trägheit, Gleichgültigkeit aufzurütteln, dann wollen wir diese Bewegung als eine Renaissance begrüßen, aus der das liberale Judentum neue treibende Imxulse gern empfängt und mit der ein Zusammengehen in den Bereich der Möglichkeit gerückt ist. TuKunfKaufgaben unserer weiblicken erwacklenen Jugend. Von Mathilde Wertheim, Aachen. rotz des ungeheuren Reichtums an Büchern, die wir besitzen, ist ein Buch noch ungeschrieben: „Die Geschichte der Verirrungen und Sünden des Menschengeschlechtes", der Vorurteile und der Unvernunft, der Roheit und der Gewalttätigkeit, die soviel Elend über Menschen gebracht, und den sittlichen und geistigen Aufstieg des Menschengeschlechtes gehemmt haben. — In diesem Geschichtsbuch der Verirrungen und Sünden der Menschheit müßte das Verhalten gegen die Frau ein wichtiges Kapitel bilden; denn die barbarische Geltendmachung des erbärmlichen Prinzips „Gewalt geht vor Recht", das sich leider so häufig in der Geschichte wiederholt, konnte nicht besser und eindringlicher beleuchtet werden als durch die Stellung der Frau seit den ältesten Zeiten und bei den verschiedensten Völkern bis auf unsere Tage herab. — Die natürliche körperliche Überlegenheit des Mannes verführte ihn, das schwache lveib zu unterjochen, ihm nicht nur eine untergeordnete, sondern auch eine unwürdige Stellung anzuweisen. War doch die Frau bei den meisten alten Völkern nichts anderes als Sklavin, über die der Mann schrankenlose Gewalt üben durfte; und selbst bei den Griechen, dem Vielbewunderten, kultiviertesten Volke des Altertums, wie beschrankt und unfrei, wie traurig und armselig war die Stellung des Weibes!— wie eine Gefangene wurde sie im Lsause gehalten, ausgeschlossen von allem edleren geselligen Verkehr, von aller höheren geistigen und Seelengemeinschaft mit dem Manne, wenn geistreiche Griechen — und deren gab es ja sehr viele — mit geistreichen Frauen sich unterhalten wollten, so erwählten sie dazu die Hetären — siehe Perikles und Afxafia —, aber nicht die Ehefrau, die bezeichnend genug Gebärerin genannt wurde. Dem gegenüber darf nicht unerwähnt bleiben, daß nach alten Vorschriften und Sitten die Stellung der jüdischen Frau im-' merhin eine würdigere war. Nach dem bekannten Wort im Anfang der Bibel sollen Mann und Weib e i n Wesen bilden, die Frau soll Stütze und Gefährtin des Mannes fein, welch inniges, auf gegenseitiger Liebe «Und Achtung gegründetes Familienleben führten die Patriarchen, welch begeistertes Lob wird in den Sprüchen Salomos dem Weibe gespendet :. „Ein braves Weib, wer es ftndet, köstlicheres als perlen hat er erworben". Dem Einfluß des Judentums aüf das Christentum ist es auch zuzuschreiben, daß später unter den europäischen christlichen Naüonen die ungebührliche Willkürherrschaft des Mannes über das Weib im allgemeinen geschwächt und nach und nach geschwunden ist. —