Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Dr. Seligmann-Frankfurt a. M.: Universalismus als leitende Idee des liberal. Judentums 1% schritt ihrer Bildung sich dem altjüdischen Leben und Denken entfremdeten, bis, in unserer Zeit, abgesehen von einem immer kleiner werdenden Kreis, fast die gesamte moderne gebildete Iudenheit auf dem nichtorthodoxen Standpunkt angelangt ist. Sie halten von dem ungeheuren Komplex biblischer, talmudischer und rabbinischer Vorschriften und sie glauben von dem einst aufgestellten und geglaubten Lehrinhalt den großen Teil nicht mehr, fühlen sich aber nichtsdestoweniger als Juden. So hat das orthodoxe Judentum unmerklich aufgehört, die Religion der 'ungeheuren Mehrzahl der Juden Westeuropas und der neuen Welt zu sein. Ls ist aus dem Leben geschwunden, wenn es auch offiziell nicht aufgegeben worden ist. Dieses offizielle Judentum ist allmählich für die moderne Iudenheit eine Buchreligion geworden, eine bloße Lehre, von der sich das Leben abgewandt hat. Mit dieser unumstößlichen Tatsache hat man sich selbst im orthodoxen Lager stillschweigend abgefunden und nimmt sie als unabänderlich und beinahe selbstverständlich hin. wie wäre es sonst denkbar, daß bis tief in die orthodoxesten Separatgemeinden Deutschlands hinein Gemeindemitglieder geduldet und nicht verketzert werden, die öffentlich den Sabbat und die Festtage entweihen und die Sxeisegesetze übertreten, gar nicht zu reden davon, daß es in ganz Deutschland nicht einen einzigen orthodoxen Juden gibt, der nach dem Testament des Rabbi Mose Sopher als orthodox anzusehen wäre. So ist die Reform unaufhaltsam selbst in die offiziellen Hochbürgen der Orthodoxie eingezogen. wie verschwindend klein wären aber auch diese Gemeinden, wenn sie mit ihrem orthodoxen Prinzip Ernst machen und nur solche Mitglieder in ihrer Mi te dulden wollten, für die Talmud und Schulchan aruch die absoluten Herren ihres Lebens und Denkens wären! 3m Bewußtsein ihrer numerischen Schwäche haben darum die deutschen Orthodoxen durch die Agudas Iisroel Anschluß und Stärkung gesucht bei der ungeheuren Majorität der altorthodoxen Iudenheit in den osteuropäischen Ländern, die von dem Wellenschlag moderner Bildung noch unberührt sind. Ater wie lange noch, dann wird auch zu den Millionen osteuropähcher Juden, im unaufhaltsamen Gang der Entwicklung, das Licht und die Freiheit kommen und wird mit geschichtlicher Notwendigkeit denselben. Umschwung aller jüdischen Verhältnisse dort zur Folge haben, den Licht und Freiheit bei uns gehabt haben, wer daran zweifeln wollte, der sehe sich die nach Westeuropa und der neuen Welt verschlagenen russischen und galizischen Juden an. Sie selbst, und wenn nicht sie, dann ihre Kinder und Enkel gehen denselben weg, den einst in Deutschland die ersten Generationen nach Mendelssohn gegangen sind. Und alle diese von der Orthodoxie abaefallenen Elemente (soweit sie nicht zu einer anderen Religion übergegangen sind oder sich als freireligiös bekennen) betrachten sich, wie bereits gesagt, als Juden. In ihrer Seele wohnt ein instinktives Bewußtsein, daß Man Jude sein könne auch ohne orthodoxer Jude zu sein. Sie tragen den Willen zum Judentum tief in ihrem Kerzen. Sie stellen ihre Persönlichkeit, ihre Zett, ihre Kraft, ihre re chen pekuniären Beiträge ohne Zwang, selbstlos und in freier Hingabe in den Dienst des Judentums. Sie schließen sich zu jüdischen verbänden zusammen und suchen zur Stärkung ihres jüdischen Selbstbewußtseins, zur Belebung ihres Interesses am Judentum die a l t e n Formen jüdischer Betätigung durch neugeschaffene zu ersetzen, vor ihnen stehen die Pforten des Abfalls offen, sie aber wollen Juden sein und bleiben. Sie lassen sich ihre Heimatberechtigung im Judentum nicht bestreiten. Und diese wird ihnen auch nicht — es sei denn von einigen wenigen Führern der streitbaren Orthodoxie — bestritten. Das liberale Judentum lebt, es hat'sich sein Daseinsrecht im Judentum erstritten. Keine vogelstraußpolittk kann es totschweigen, keine Verketzerung aus der Welt schaffen.. Nicht Willkür oder Zufall hat das liberale Judentum geschaffen, sondern geschichtliche Logik und Notwendigkeit. Der universalistische Grundtrieb des liberalen Judentums läßt es aber nicht nur als Gegner der partikularrstischen Orthodoxie, sondern auch als prinzipiellen Gegner, des jüdischen Nationalismus erscheinen. Der jüdische Nationalismus, wie er durch Herzl's Iudenstäctt neu verkündet und begründet