Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126600-3126605--2596-3521978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
II Dr. Seligmann-Frankfurt a. M.: Universalismus als leitende Idee des liberal. Judentums 67 Achen Augenblick geboren, durch einen Reformator oder eine religiöse Behörde auf einmal als ein sichtbarer Bruch mit der alten Lehre vollzogen, sondern ein allmählich mit unwiderstehlicher geschichtlicher Notwendigkeit Gewordenes. Aus dem Willen des Volkes geboren, wird es vom Willen des Volkes getragen, wozu dieser Volkswille drängt, was feine Lebensinstinkte fordern, das geschieht. vom Volke, dem lebendigen Träger des Judentums, nicht von Reformatoren ist die Reform ausgegangen. Bei allen Umwandlungen im zeremoniellen Tun und Lassen des Einzelnen, im Unterricht, ja in der ersten Zeit selbst auf dem Gebiete des Synagogenkultus, haben die Gemeinden alles getan. Der Anstoß zu allen Veränderungen ging von Gemeindevorstehern, von Finanzmännern, von Kaufleuten, von Akademikern, von volkslehrern, also von sogenannten Laien aus. Innerhalb der Gemeinden erfolgte der Umschwung rn Gesinnung, im Denken und im handeln ohne, ja gegen den Willen ihrer geistlichen Führer. Gewissensfreiheit, Freiheit von zeremonieller Bevormundung, die neuen Schulen, die neuen Institutionen, alle Errungenschaften Der Reform, erkämpften sie sich oft in heißem Kampf und Ringen gegen ihre Rabbiner. Eine solche Kluft tat sich infolgedessen zwischen Gemeinde und Rabbiner auf, daß die Gemeinden, nach dem Tode der alten Rabbiner, Jahrzehnte / lang keine religiösen Führer mehr anstellten. Sie ließen die großen Rabbinatssitze verwaist und begnügten sich mit den bedeutungslosen Rabbinatsbeisitzern, deren sie für die Beaufsichtigung und Handhabung der rituellen Institutionen, die erhalten blieben, bedurften. Es ist eipe nicht zu bestreitende Tatsache: Nicht von Rabbinern ist die Reform ausgegangen. Die berufenen religiösen Führer standen grollend im Winkel und jammerten über verfall der Zeiten, über Aufruhr und Glaubensuntergang. Ratlos, verwirrt, ohne Verständnis sahen sie das Neue wie ein Schicksalsverhängnis nahen. Der greise Gberrabbiner bsirschl Levin, kein Fanatiker, sondern eher ein Freund der Bildung und Wissenschaft, der Verehrer Mendelssohns, äußert gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts den Wunsch, sein rabbinisches Amt niederzülegen und nach Jerusalem auszrpvandern, da er den verfall des religiösen Lebens unter den deutschen Juden nicht mehr mit ansehen könne. Sein Abschiedsbrief an die Gemeindeältesten ist ein wehmütiges Klagelied des alten Judentums, das zum Aussterben verurteilt sei. Andere Rabbiner, die ebensowenig Verständnis für die neue Zeit haben, die für das Judentum heranbricht, die aber aus anderem Bolz geschnitzt sind als der milde -Oberrabbiner von Berlin, setzen alle Mittel in Bewegung, um den neuen Geist aufzuhalten. Sie vertreten ihm den weg mit Verketzerung und Bannsxrüchen. Der berühmte Altonaer Rabbiner Raphael Lohen, Großvater Gabriel Rießers, machte durch seine unbeugsame Strenge einen großen Teil seiner Gemeinde aufsässig. Und der gefeierte j)reßburger Rabbiner Moses Sopher beschwört in seinem Testament seine Nachkommen: „Lasset euch niemals ein in die verderbliche Gemeinschaft mit den Uebeltätern, den Neuerungssüchtigen, welche um unserer vielen Sünden willen sich von dem Ewigen und feinem Gesetz entfernt hahen! wohnt nicht in deren Nähe!und verbindet euch mit ihnen auf keine weise. Die Bücher des Rabbi Mose aus Dessau (Mendelssohn) rühret nicht an! Die Töchter mögen deutsche Bücher lesen, jedoch nur solche, die nach unserer Weise, auf Grund der Auslegungen unserer Lehrer seligen Andenkens, verfaßt sind, durchaus keine anderen! galtet euren Fuß fern vom Theater, ganz und gar, dies verbiete ich euch auf das entschiedenste! Seid gewarnt, nicht eure israelitischen Namen, Sprache und Kleidung — Gott bewahre — zu verändern! Niemals saget: ,Die Zeiten haben sich geändert!' Wir haben einen alten Vater, gepriesen sei sein Name, der sich nie verändert hat und nie verändern wird!" Aber vergebens war der Notschrei und die Beschwörung. Keine Gewalt und kein Totschweigen kann die geschichtsnotwendige Entwicklung verhindern. Der lebendige Strom des Volkswillens bahnt sich durch Felsgestein und Wüstensand seinen Weg, alle Hindernisse, die sich ihm entgegenstellen, niederreißend. Zunächst waren es die Intelligenten und wohlhabenden, diejenigen, welche geistig und sozial den Anschluß an Die europäische Kulturwekt gefunden halten, dann allmählich, immer mehr wachsend, die breiten Massen der westeuropäischen Indenheit, die mit dem Fort-