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Liberales Judentum · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 66

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 Dr. Seligmann-^rankfurt a.M.: Universalismus als leitende Idee des liberal. JudentumsH tum einen universalistischen oder partikularhjstrschen Charakter. Es gab Perioden in der Geschichte des Judentums, die vorwiegend ein universalistisches Antlitz zeigen, so die Heit der Propheten Und ganz besonders die der hellenistischen Propaganda, als Millionen aus den Völkern der Erde dem Judentum zuströmten. Dann gab es wieder langandauernde, tausendjährige Zeiträume, in denen der Partikularismus so vorherrschend war», daß das Judentum seine messianischen Königsträume im letzten Winkel seines Gedächtnisses verlor. Aber immer wieder kamen Zeiten, da es sich aus seiner Abschließung aufraffte und sich durch Aufnahme neuer Bildungselemente und durch sozialen Anschluß tan die Völker befähigte, im Weltenkonzert seine Rolle zu spielen, ohne seinen eigenen Grund- Ion zu verlieren. 1 Zedern Geschlecht und jedem Zeitraum erwuchsen wie von selbst aus den Urkräften des Judentums die Bedingungen, unter denen allein man leben konnte. Aenderten sich die Einflüsse von außen, so änderten sich auch die Gegenwirkungen. Wenn der Sturmwind über die Erde ging, zog sich das Judentum von selbst in sich zurück, um in sich Schutz und Zuflucht, Kraft und Würde zu finden, wenn sich die Zeiten draußen weiteten, wenn der Freiheit Rauschen über die Erde ging, flog das Judentum von selbst der verwandten Zeit entgegen; dann weitete es sich auch und zeigte, daß es die Fähigkeit Zum Anschluß in sich trug. Aber mit der Fähigkeit allein war es nicht getan. Diese konnte Jahrhunderte lang schlummern, wenn der erweckende Anstoß von außen fehlte. Zmmer nur durch den Zusammenstoß mit neuen begehrenswerten Kulturen konnte der latente universalistische Trieb geweckt werden. Es geht eben dem Judentum nicht anders wie anderen Gesamtheiten. Wer sich von der Berührung fremden Geistes ängstlich oder hochmütig fernhält oder gewaltsam davon ferngehalten wird, zeigt bald keine Bewegung und keinen Fortschritt.. Zeder Fortschritt in der Geschichte, jede bedeutsame, wirkungsreiche Bewegung entwickelt sich nur aus der Verbindung zwischen fremdem und einheimischem Geiste. Denn so reich auch die ursprüngliche Kraft eines Volkes ist, so triebkräftig auch feine natürlichen Keime sind, es kommt ein Tag, wo die Kulturkraft sich erschöpft hat. Das sehen wir an dem reichbegabten Volk der Griechen und an all den andern einst blühenden Völkern, deren Ilraft dahinwelkte wie ein ausaelebtes Menschenleben, und die altersschwach und erschöpft in die Gräber der Geschichte stiegen, weil ihnen entweder die Fähigkeit oder die Gelegenheit fehlte, sich durch Befruchtung mit fremdem Geiste wiederzugebären. Die Renaissance der europäischen Völker erfolgte durch die Vermählung mit dem Geiste des klassischen Altertums. Die Reformation in Deutschland war die Frucht.des «aufblühenden Humanismus. So beginnt die Wiedergeburt des Zudentums mit Annäherung an die europäische Kultur. Zwei Momente mußten demnach Zusammenwirken, um die Reform des Zudentums herbeizuführen: das innere Moment des unverbrauchten Vorrats an universalistischer Kraft,, die trotz fast zweitausendjährigen Abschlusses und Stillstandes vorhanden war und nur des Augenblickes harrte, um freudig anS Tageslicht zu treten; und das äußere Moment: der Eintritt des Zudentums in die europäische Kultur und der gesellschaftliche Anschluß an die Völker Europas und der neuen Welt. Das innere Moment, das im Universalismus des Zudentums gegeben war, schuf einerseits die Möglichkeit, andererseits die Berechtigung zur Reform. Das äußere Moment, das Sir der Wirklichkeit des Lebens, im Anschluß an die nichtjüdische Welt lag, gab den Anstoß zur Reform. Die universalistische Fähigkeit drängte, als der Augenblick der Entscheidung gekommen war, mit geschichtlicher Notwendigkeit zur Wirklichkeit religiöser Neugestaltung^ Die Wirklichkeit frägt nicht nach Theorien. Sie setzt sich durch mit elementarer Urkraft, ohne Nachdenken über ihre Berechtigung, fast mit der Naivität des Selbstverständlichen. Sie triumphiert über alles, keine widerstände können sie vernichten. Unsren eignen Gegentrieben selbst, unsren verstandes- und Herzensgründen setzt sie ihre Mbezwingliche Macht entgegen. | Das liberale Zudentum ist berechtigt, weil es da ist. Es existiert nicht als Programm, sondern als lebendige Tatsache. Es ist kein ausgeklügeltes System von Theologen, nicht wie Luthers Tat m einem großen geschickst-

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