Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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liberales Judentum JTlonatsfchrift für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffdiland unter der Redaktion van Or. Caefar Sellqmann, Rabbiner in Frankfurt a M No. 9 und 10. Jahrgang 12. September u. Oktober 1920 Unioersalismus als leitende Idee des liberalen Judentums. Von Dr. Seligmann-brankfurt a. M. ^^as geschichtliche werden des Judentums läßt sich auf zwei Urquellen zurückführen, die die verborgenen Triebkräfte feiner Entwicklung sind und alle geistigen Strömungen und Gegenströmungen, alle religiösen Gegensätze und inneren Kämpfen in der Geschichte des Judentums erklären. Durch die Jahrtausende hat das Judentum wie ein Pendel zwischen diesen beiden Gegensätzen geschwungen; sie waren die Thesis und Antithesis der jüdischen Entwicklung, die sich mit historischer Notwendigkeit in der Herrschaft ablösten und deren Synthese das Ideal der Entwicklung ist. Diese beiden Urkräfte sind: Universalismus und Partikularismus. Universalismus die Fähigkeit und der Trieb, die ganze Welt zu umschließen. Partikularismus national verengt und beschränkt, nur auf das Eine bedacht, seine Eigenart zu bewahren und sich vor allem Fremden abzuschließen. Universalismus das rein Menschliche, das Ethische und die persönliche Religiosität betonend, den sehnsüchtigen Blick nach der verheißungsvollen Ferne einer Weltverbrüderung, einer Weltreligion richtend. Partikularismus das autoritative, statutarische Moment, den Kultus und das Dogma betonend, das Traditionelle und Nationale bewahrend. Universalismus Schranken niederreißend, voll Toleranz und Menschenliebe. Partikularismus Schranken aufrichtend, voll Intoleranz und Fanatismus.: Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Geschichte des Judentums. Zusammen bilden sie die schöpferischen und erhallenden Kräfte seiner Entwicklung. Beide verkörpern ein ewiges verlangen der Menschenseele, eine eingeborene Sehnsucht und Triebkraft. Bald gehen sie weit auseinander und schaffen heftig sich bekämpfende Parteien. Bald fließe« sie mehr ineinander und ergänzen sich. Aus dem Wechselspiel ihrer Abstoßung und Anziehung empfängt das Judentum feine treibenden Impulse. Im Gleichgewicht beider Kräfte liegt die Gesundheit des Judentums. Das Uebermaß des einen wie des andern führt zur Entartung. Ausschließlicher Universalismus trägt die Keime der Selbstauflösung in sich. Denn wer sich nur immer anzupassen weiß, läuft Gefahr, daß nichts von ihm übrig bleibt, datz seine eigene Art, seine Selbständigkeit aufgesogen w'.rd von überlegenen Mächten. Nur kranke Kulturen und überwundene Religionen werden sich bis zur Selbstauflösung anpassen, — Aber auch ausschließlicher partikularismuS trägt die Keime des Verfalls in sich, wer sich gar nicht anzupassen und in neue Zeiten und Verhältnisse zu schicken vermag, wer dem Naturgesetz der Entwicklung, das auch in der Geschichte waltet, widerstrebt, der wird im erbarmungslosen Kampf ums Dasein zugrunde gehen. Das Zusammenwirken und die Ablösung beider Momente sichert dem Judentum seine Entwicklungsfähigkeit. Aus Anpassung und Vererbung, aus Nniversalismus und Partikularismus, geht, wie die natürliche, so die geschichtliche Entwicklung hervor. Je nachdem das eine oder andere Element vorherrschend war, trägt das Juden-