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Der junge Jude · 1930-11-01 · Heft 6 (November 1930) · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 6 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
– (sequence 24)
Language
German
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und noch eine kleine Bitte: Meinen Rock soll der Infanterist Laslan Karzan bekommen, und meine Stiefel der Infanterist Benvenuto Galierie. Sie haben darum gebeten." „Sie haben darum gebeten? Gut, Gefireiter Andreas Madi." Er wandte sich um, er dankte militärisch und stand vorschriftsgemäß. Ich trat zu ihm, zog mein Taschentuch heraus, um ihm damit die Augen zu verbinden. „Danke," sagte er und reichte mir sein Taschentuch. Dies „Danke" ließ mein Blut gerinnen. „Danke", — meine Hand zitterte einen Augenblick. Mit Mühe verband ich ihm die Augen. Und dann sah ich daß seine Wangen feucht waren. Ich eilte, alles schnell zu beenden. 13 Kugeln zertrümmerten ihm den Schädel. Einen Augenblick ßtand er noch, schwankte und schlug lang auf die Erde. Ich mußte mich erbrechen. Glitt langsam auf den Boden. Ein Soldat gab mir ein wenig Kognak aus meiner Tasche. Schweigend zogen wir nach Hause. Nur eines Soldaten Stimme war hörbar, wie zu sich selbst: „Nicht einmal bekreuzigt hat er sich.11 Aber der verstand nicht ungarisch und darum nicht die Worte des Unglücklichen, daß er ein Jude war, ein Abtrünniger. Als ich nach Hause kam, fühlte ich einen Augenblick so etwas wie Dank gegen Herrn Tiger, daß er mich mit dieser Teufelsarbeit beehrt hat. Nach dieser Höllentat wird die Wache auf Höhe soundso mir wie das Paradies vorkommen. Schwer zu sterben, aber tausendmal schwerer zu töten mit Absicht, mit offenen Augen. Die letzte Bitte des Gefreiten Madi ging durch das Lager und erregte staunende Ehrfurcht. „Das ist ein Soldat" hörte man vom ganzen Offiziersstab. „Ein Soldat und sein Gefreitenknopf", sagten sie mit Neid und wandten sich «an mich: „Wie bat er Sie darum, wie war das?" Aber uns, zumindestens uns, die wir bestimmt waren, die verfluchte Höhe zu verteidigen, beschäftigte die Sache des Gefreiten Madi nicht mehr lange, als der Serbe und der Italiener erschienen und die Sachen des Toten forderten, der erste den guten Book und der zweite die schönen Stiefel, da erschien noch einmal die Gestalt des Unglücklichen vor meinen Augen. „Warum hat er die gerade Euch vermacht?" fragte ich sie. „Wir batein ihn," antwortete*! beide, „ßelhr schöne Stiefel,'* fuhr der Italiener Benvenuto fort und schmunzelte vor Freude. „Ein prächtiger Rock," setzte der Serbe hinzu und leckte die Lippen. „Ihr habt Euch nicht geschämt, einen Menschen zu bitten, der vor dem Tode steht, ihr Hunde?". „Melde untertänigst, die Sache war so, daß er vor dem Tode isitand," entgegnete der Serbe. „Für ihn war es doch gleich", unterstützte ihn der Italiener, „und auch — — habe gesehen, wie er sie dem Juden anbot". „Welchem Juden?" „Dem Onkel Oesterreicher." „Onkel Oesterreicher?tr „Jawohl, er bat ihn nach seinem Tode für ihn zu beten, melde untertänigst." „Und warum gab er sie ihm nicht?" „Melde untertänigst, der Jude wollte sie nicht, er versprach ihm, auch umsonst zu beten. Was versteht ein Jude von Stiefeln?" Ich gab ihnen ihre Erbschaft und dabei fiel mir ein, daß in der Exekutionstruppe auch dieser Serbe gewesen war. „Infanterist Karzan, bist Du nicht dabei gewesen als — nicht wahr?" Er fuhr zusammen und wurde kreidebleich. „Jawohl, melde untertänigst." „Hm, und glaubst Du nicht, daß Du ein Schuft bist?" „Melde untertänigst, nein." „Und schlägt Dein Gewissen nicht, sage die Wahrheit!" „Melde untertänigst, mein, leih schoß auf Befehl." „Aber unterdessen, während der ganzen Zeit, hast Du den Rock gesehen, was?" Der Serbe schwieg einen Augenblick und sagte danach: „Jawohl, ich habe gesehen — aber ich habe nach dem Kopf geschossen." „Um den Rock nicht zu verderben, Was?" Der Serbe schwieg wieder. Und dann: „Melde untertänigst, jawohl.* Ich zögerte einen Augemiblidk, ihm den Rock z/u geben. Alber ich überwand meine Bedenken und gab ihn ihm. Er war wenigstens ehrlich. 198

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