Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1930-11-01 · Heft 6 (November 1930) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 6 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3497353-3497367-3497373--683-3521935
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

schlugen wie Feuerglocken. Ich dachte, ich werde verrückt. Als man mir Madi, den unglücklichen „Lakaienspieler" übergab und er mich ansaht ich wurde fast ohnmächtig. Ich las aus seinem Gesicht, ich hätte mich freiwillig dazu gedrängt: aus Rache. Wenn mir doch erlaubt wäre, ihm nur ein Wort zu sagen. Aber es war streng verboten. Auf dem Wege zum Exekutionsplatiz durchzuckten mich sonderbare Gedaniken. Es war miir klar, es war eine Art Versuchung des höchsten, unsichtbaren Geistes. Er versucht den Juden in mir und die Rachsucht in mir. Denn der höchste Geist weiß, daß Rache die Schwäche meines Charakters sei. Er weiß, auch, daß ich Rache für die niedrigste menschliche Eigenschaft halter denn diese Eigenschaft stellt den Menschen unter das wilde Tier; denn das wilde Tier kennt keine Rache. Rache ist die Schlauheit des homo sapiens, des vernunftbegabten Menschen. Und eir weiß, wie ich die Worte des Tanaiten verabscheue, des R. Schimon ben Jehuda: „Ein Talmudgelehrter, der sich nicht rächt und nicht nachträgt wie eine Schlange, ist kein Talmudgelehrter." Wenn das eine Talmudweisheit ist, gehöre ich nicht zu ihnen, und mein Platz sei unter den Schülern unseres Lehrers Moses, der gesagt hat: „Du wirst Dich nicht rächen und wirst nicht nachtragen." Bei diesen Gedanken freute ich mich über die Tatsache, daß ich statt Rache warmes Mitleid fühlte und großes Erbarmen mit diesem unglücklichen Dummkopf, auf dessen gemeinen Anschlag hin ich zwei Stunden im dichtesten Kugelregen in Höllenqualen gelegen habe, zwei Stunden* die mir ein Nervenizittern eingetragen haben wie bei einem alten Greis — und das bis auf den heutigen Tag, In feierlicher Stille kamen wir zum Exekutionsplatz. Dort stellte ich meine Leute ordnungsgemäß auf. Erst hieir bemerkte ich zwischen den Soldaten den dicken Rosenberger. Ich zog ihn hervor und stellte ihn absteits. „Du bist Jude", flüsterte ich ihm zu, und er verstand. Kein Mensch hörte etwas, nur der Verurteilte fing den Flüsterton wie ein teuflisches Wunder auf. Vielleicht hat er es nicht gehört, aber er hat es verstanden. Er legte die Hand an die Stirn, stand stramm und sagte: „Melde untertänigst: letzte Bitte." „Sprich, Gefreiter Andreas Madi." „Sie haben den Korporal Rosenberger beiseite gestellt, weil er Jude ist und Sie nicht wollen, daß er sich an mir rächen soll--" „Jawohl, Gefreiter Andreas Madi." „Na ja, ich bin auch Jude, ich bin vor acht Jahren getauft worden.44 Meine Augen erloschen in ihren Höhlen. Gefreiter Madi, dieser erbitterte Judenfresser, ist ein Jude. Das hätte ich keine Sekunde geglaubt. Ich dachte, vielleicht will er etwas von mir erbitten, von seinen Stammesbrüdern, von seinen Schicksalsgenossen, im Glauben (wie man in Ungarn sagt): Gnade. Aber trotzdem verharrte ich geistesabwesend. Ich isohwieg einige lange Minuten. Ich preßte meine Schläfe, und dann war mir klar, was eir wollte: „Gut, Gefreiter Andreas Madi, der Onkel Oesterreicher wird nach Dir Kaiddisch sagen." Auch er preßte die Schläfen, machte eine sonderbare, sinnlose Handbewegung: „Danke, das wollte ich nicht bitten, ich wollte bitten, daß der Herr Fähnrich mir meine Gefreitenknöpfe lasse und mich ohne Degradierung sterben lasse." Ich sah ihn dumm an. Die Soldaten blickten auf mich und ihn. Und sogar ein kleines Lächeln, verborgen und flüchtig, sah ich auf dem Gesicht eines von ihnen. In der Tat, wie geschah das? Ordnungsgemäß mußte er vor der Hinrichtung zum gemeinen Soldaten degradiert werden. Besaß er einen militärischen Rang, mußte man ihn aufheben, die Knöpfe von seinem Kragen reißen. Das Gesetz der Degradierung war ein schweres Gesetz gegen Verräter. Aber das 149. (Kriegsgericht hat es nicht getan, und ich habe keinen Befehl dazu erhalten. Ich benutzte dieses Versehen, da& ja nicht meines war, und sagte: „Gut. Ich habe keinen Befehl zur Degradierung erhalten, Gefreiter Andreas Madi." Und er erwiderte: „Dankey 197

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.