Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 6 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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seren Händen in die der Russen über. Und zum Schluß eroberten wir sie und zogen einen Schützengraben auf der anderen Seite, dem Feinde zugewandt. Und jetzt werde ich dieser furchtbaren Auszeichnung für wert gehalten: Wache zu stehen auf dieser Höhe. Ich suche mir 30 Mann zusammen, eine halbe Kompagnie, aus allen Truppen des Regiments: lauter lustige, unbekümmerte Kerle zusammen, mit alle den leichtsinnigen Dreinhauern. Unter ihnen waren Künstler, Zigeuner, Jesehiwe bachurim, rückfällige Pferdediebe, bekannte Taschendiebe, berühmte professionelle Kartenspieler. Auch Gefreiter Margolis war darunter als Telephonist. Er war zufrieden, aber noch einen Augenblick, und er kratzt sich den Schädel: „Dort wird man wohl weiter avancieren. Bis zum Telephonisten von „oben". Macht nichts." Und fügt hinzu: „Melde untertänigst Neuigkeiten aus dem Garten Eden." „Bist Du sicher, gerade aus dem Paradies?" „Nach der Hölle unseres Feldwebels?" Es fiel mir ein, daß es sich lohnen würde, den verrückten Schauspieler Madi mitzunehmen. Allein schon, um ihm Margolis, „den Angsthasen, den Juden" in der Feuerlinie zu zeigen. Und während ich ihn noch suche, dringt ein Gerücht zu mir: Gefreiter Madi schon seit Anfang des Gefechtes verschwunden. Nicht zu finden. Und gleich danach die Meldung, daß Madi gar nicht ins Gefecht gerückt ist, sondern sich gedrückt und im Städtchen Jaslowitz verkrochen hat. Im Augenblick (Steht er vor dem Kriegsgericht, dessen Spruch ihn zum Tode verurteilte. Armer Madi! Mit welchem Haß hat dieser verrückte Schauspieler „die Juden, die Angsthasen", verfolgt. Mit welchem bitteren und geheimen Haß, daß er ihn sogar vor mir nicht verbergen konnte. Und nun — Todesurteil! An der Front — Todesurteil! An einem Ort, wo der Tod jeden Augenblick, wo Du bist, auf Dich lauert. Mit 99 Prozent bist Du zum Tode verurteilt, und mit 1 Prozent klammerst Du Dich mit all Deiner Kraft ans Leben. Und plötzlich kommt man und raubt Dir auch dies letzte einzige Prozent, das Dir noch in dubio geschenkt war und macht Dich bestimmt tot. Keine halbe Stunde verging und ich erhielt den Befehl, gerade ich, das Urteil zu vollstrecken, mit meiner Truppe. Ich verstand sofort, das war die größte Schlauheit des Herrn Tiger. Meine Pulse begannen zu schlagen. Ein Gedanke blitzte auf: Herr Tiger muß auf irgendeine Art zu wissen bekommen, daß Madi ein großer Judenfresser gewesen und daß ich mich freue, ihn hinrichten--Vielleicht wird er mir das Vergnügen rauben, das Vergnügen der Rache. — Ich konnte nichts unternehmen. Ich hatte ausdrücklichen Befehl, und ich mußte ihn ausführen. Die Welt um mich verfinsterte sich. Die Exekutionsordnung war so: Man holte den Todeskandidaten hinter die Front, wohin das feindliche Auge nicht dringen konnte. Dort wurde er hingestellt und um ihn herum verteilte sich die Truppe in Hufeisenform. Der Gruppenführer nahm neben dem letzten Soldaten Aufstellung. Das Kommando gab er mit leiser Stimme, damit der Verurteilte nicht erschrecke oder eine Bewegung mache oder gar in seiner Aufregung sich zu retten versuche. „Ein Soldat flieht nicht vor dem Kriegsgericht." Aber vielleicht doch in seiner Sinnesverwirrung. Und darum wird das Kommando durch ein Zeichen mit der Hand gegeben. Ordnungsgemäß muß man ihm die Augen verbinden, aber die Mutigen erschweren es sich selbst und sterben mit offenen Augen. Und jetzt sollte ich der Unglückliche sein, das Verderben zu kommandieren. Und gerade gegen einen mir bekannten Soldaten. Und gerade gegen einen Menschen, der überzeugt ist, daß ich ihn hasse, denn er haßt mich in der Tat und hat mir die wahre Hölle bereitet. Als mein Bursche dies hörte, konnte er sich nicht beruhigen. „Das hat Se. Exzellenz, das Schwein, getan. Dieser iverdaanmte, elefnde Komödiant. Nicht an der Front krepiert! Und gerade auf meinen Herrn fällt es, ihn zu erschießen! Ausgerechnet, pfui!" Mein Kojpf begann zu sehmenzen. Meine Schläfen 196