Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1930-11-01 · Heft 6 (November 1930) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 6 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3497353-3497367-3497373--679-3521931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

seinem Buche macht er sich keine Gedanken darüber. „Es ist erforderlich, daß die Masse selbst durch den Hebel der Revolution sich auf eine höhere historische Stufe erhebt. Ob dieser Weg vom Standpunkt der normativen Philosophie gut -oder schlecht ist, weiß ich nicht und, offen gestanden, i nteressiert mich auch nicht."1) Nicht nur im politischen Kampfe, auch im Aufbau der Wirtschaft und des Staates hielt T. die Gewalt für das richtige Mittel. Nach Beendigung des Bürgerkrieges hat er es vorgeschlagen und zu verwirklichen begonnen: D i e A r b e i t s a r m e e n. Millionen von Bauern und Arbeitern sollten nicht aus der Kriegshölle «erlöst werden, sondern — zu Ehren eines ^sozialistischen" Aufbaues — in eine neue Zwangsjacke gesteckt werden, als ziviie Soldaten weiter schuften. Nicht genug damit: T. wollte die Gewerkschaften verstaatlichen, d. h. sie den Methoden des Kriegskommandos unterstellen. Er geriet dadurch in einen Streit mit Lenin, der gerade den militärischen Druck abschwächen wollte. (S. 448.) Durch Einführung der „Nejp " mußten diese militärischem Anwandlungen Ts zerschmelzen. Terror und Militarismus schufen selbstverständlich einen Staat, in dem die Massen stumm bleiben mußten und die Herrscher sich selbst überlassen blieben. In den Spitzen dieses Staates mußte eine höfische Atmosphäre von Irtrigenkämpfen entstehen. Es ist unheimlich und zugleich belehrend bei T. nachzulesen, wie diese Kämpfe um die Thronfolge nach Lenin im Kreml tobten. T. schildert lang und breit, wie sich die „Verschwörer41 gegen ihn organisierten, wie sie gegen ihn ein „Trio" gebildet haben, wie sie gegen ihn Lenin aufhetzen wollten. „Die gesamte Aufgabe der Verschwörer bestand darin, eine gefestigte und organisatorische Stütze gegen T. vorzubereiten und das Trio als rechtmäßigen Nachfolger Lenins zu krönen." (S. 469.) T. ist voller Entrüstung. Aber was machte er selbst? Er bereitete sich vor — ganz im Stil der alten Herrscher des Kreml — die Krone direkt von Lenins Hand zu übernehmen. T. beruft sich auf das „Testament" Lenins. Er «erzählt, wie „Lenin auf dem Sterbelager seinen Schlag gegen Stalin vorbereitete", wie er also die höchste Macht ihm, T., übergeben wollte. T. merkt nicht, in seiner politischen Blindheit, daß in dieser widerlichen Katzbalgerei am Bett des kranken Lenin T. selbst d a sselbe Intrigenspiel führt wie Stalin. Zwar meint T., daß sein konspiratives iSjpiel historisch {berechtigter ist als das IStalins, weil er es in Gemeinschaft mit Lenin geführt hat. Aber es bleibt doch »ein Intrigenspiel — und zwar aller Lager gegen das werktätige Volk und die Revolution. Alle diese Kämpfe um die Sowjetkrone spielen sich in der tiefsten Konspiration ab, ohne daß die Massen (und selbst die eigenen Partei) bei der Bestimmung ihrer zukünftigen Führer auch ein Wort sagen ikönnen. So kam es, daß überhaupt der Tod Lenins, solch eine Bedeutung haben, daß -man selbst van einem „Testament" in vollem Ernst sprechen konnte. T. fühlte sich aliein berufen, die Erbschaft anzutreten, weil er all^ anderen Führer für Nullen betrachtete. In seiner Ueberheblichkeit 'kennt er nur 'zweierlei: entweder er begießt seine Gagner mit Spott und Haß, oder er lobt herablassend seine Mitarbeiter, die ihm treu waren. Er hat aber nicht den Mut, seinen Gegner anzuerkennen. Denn sein Gegner muß ein Schuft, ein Taugenichts, ein Verräter sein. Sein Buch ist darum voll von verächtlichen Urteilen über alle jene Bolschewiki, die ihm irgendwie im Wege standen, von der übrigen Menschheit gar nicht zu reden. Eine kalte Verachtung der Menschen spricht aus den Worten (von Proudhon), mit denen er auch sein Buch beschließt: „Die Menschen sind ,zu dumm, zu versklavt, als daß ich ihnen etwas nachtragen könnte." Nur eine Ausnahme gibt es für T.: das ist seine grenzenlose und permanente Verehrung für Lenin. Es ist eine Verehrung und eine Hetzjagd nach Beweisen der *) (lS. 458.) Allerdings ßdhreiibt T. an einer anderen Stelle (iS. 515) in Bezug auf sein eigenes Schicksal, vorsichtiger: „Die Anwendung der physischen Gewalt hat in der Geschichte der Menschheit stets eine große Rollo gespielt. Aber unendlich fern davon ißt die Schlußfolgerung, daß man mir der Gewalt alle Fragen lösen und alle Hindernisse wegräumen könne." 193

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.