Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 6 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Hier aber tritt zu der Charakterschwäche Ts seine /politische Schwäche hinzu. Er konnte nicht an die proletarische Klasse (oder gar an das werktätige Volk) appellieren, weil er (diese Massen fürchtete. Diese Massen, einmal in Bewegung gesetzt, hätten nicht nur Stalin, sondern die Parteidiktatur des Bolschewismus überhaupt zerschmettert. Und T. will mcifot auf diese dRarteidiktatur verzichten. In diesem Punkte sind T. utnd Stalin einig. Sie haben beide, wie auch Lenin, die freien sozialen und geistigen Kämpfe der Massen zugunsten ihrer einzigen Partei ausgeschaltet. So mußte der Kampf der Beiden ein Kampf zweier Apparate werden, Das Pathos reduzierte sich auf die Frage: wer von beiden Matadoren stärkere Nerven hat und wem ein besserer Apparat zur Verfügung steht. Stalin hat besser als T. seinen Apparat aus Begeisterung, Terror und Korruption zusammengeschmiedet. T., der zwischen seine Angst vor den Massen und die Uebermacht des Stalinismus gestellt wurde, mußte niedergerungen werden. T. wäre aber nicht der Marxist, wenn er nicht versucht hätte, seine Niederlage sozial zu erklären. Eine quasi wissenschaftliche Betrachtung soll beweisen, daß in Stalin die soziale Reaktion den Sie/r über die soziale Revolution (in Trotzki) davongetragen habe. „Im Lande selbst vollzogen sich Prozesse, die man insgesamt als Reaktion bezeichnen kann. Diese Prozesse erfaßten mehr oder weniger auch die Arbeiterklasse, darunter auch ihren in der Partei organisierten Teil... Es vollzieht sich eine politische Verschiebung der Klassen. Die Prozesse der Reaktion erstreben, die Abhängigkeit des gesellschaftlichen Bewußtseins von den Ideen des Oktober zu beseitigen. Das ist der Sinn dessen, was vorgeht.1' (S. 486, 501.) Solche Erklärungen, die die persönlich? Verantwortung der Führer auf die objektive Notwendigkeit abwälzen, sind schon immer von den Beherrschern der Menschheit gern benutzt worden, besonders bei Niederlagen. Nur daß sie sich in den früheren Zeiten auf die religiöse Vorsehung beriefen, und in unserer wissenschaftlichen Epoche der Marxismus diesen Zweck erfüllen soll. Der Marxismus dient T. als die optimistische Lehre, die ihn und seine Politik von jeder Verantwortung befreien soll. Marxismus ist ihm jenes weiche Kissen, auf dem er sich jetzt — nach der Niederlage seiner Bewegung — selbstzufrieden ausruhen will. Und hier gerät T. in einen Gegensatz »zu sich selbst. Wenn in der Sowjetunion tatsächlich eine „Verschiebung der Klassen" und eine soziale Reaktion eingetreten ist, dann müßte T. keine Hoffnungen mehr auf die Regeneration der Oktoberrevolution haben. Dann müßte er eine philosophische Ruhe nicht nur bei der theoretischen Betrachtung bewahren, sondern auch bei der Einschätzung von Stalin und seiner Clique. Dann hätte der unauslöschliche persönliche H ass Ts gegen Stalin nicht so sehr sein ganzes Buch beherrscht. Wäre die Oktober-Periode der russischen Revolution eine schon abgeschlossene, nicht mehr zu ändernde Epoche gewesen, T. müßte sich kühler verhalten. In Wahrheit ist er aber überzeugt, daß diese Epoche noch fortdauert, daß die sozial-revolutionären Kräfte in ihr weiter wirken, daß eben er, Trotzki, noch einmal berufen sein wird, die Revolution weiter zu führen. T. glaubt also, daß die Reaktion nicht so sehr durch objektiv-unbesiegbare Kräfte, als durch Fehler und Verbrechen der Stalinisten herangereift ist. Er glaubt, daß — bei einer anderen Führung — die Revolution auch einen anderen Gang genommen hätte. (Selbstverständlich hätte die Entwicklung der Oktoberrevolution einen anderen Weg als den izur Reaktion nehmen (können. Die Reaiktion, d. h. die bodenlose Herrschaft der Nutznießer der Revolution und die grenzenlose Unterdrückung der Arbeiterklasse gehörte keineswegs zum Wesen der Revolution. Diese Reaktion wurde -künstlich durch die b olseihe wißt i&che Parteidiktatur geschaffen. Aber diese Reaiktion ist von T. selbst, ebenso wie von Stalin, systematisch ausgebaut worden. Nur daß sie nicht vom Jahre 1922-1923 datiert, wo sie auch T. erfaßt hat, sondern /vom Jahre 1918 an. Seit jener Zeit, da die schöpferischen Kräfte der Werktätigen in Ketten gelegt waren, begann der Marsch der Reaiktion, an deren Ausiban und Festigung gerade T. hervorragenden Anteil genommen hat. 191