Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1930-11-01 · Heft 6 (November 1930) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 6 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3497353-3497367-3497373--675-3521927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

-volfiition fast gar nicht dazu, das werktätige Volk, das kämpfende und leidende Proletariat, selbst die rote Armee zu schildern. Die Massen spielen bei ihm nur die blasse Rolle eines passiven geschichtlichen Hintergrundes. Auf der Arena der Revolution paradieren nur historische Persönlichkeiten, die gut oder böse sind, die aber die Massangeschicke überschatten. Gewiß, diese nur persönliche Auffassung des Weltgeschehens ist Trotzki durch seine Lage aufgezwungen: er will mit Hilfe seiner Biographie und Verdienste seine heutigen politischen Gegner schlagen. Nun gut: Dadurch hat er aber sein eigenes Leben der rücksichtslosen Kritik offengestellt. Sein Buch zerfällt in zwei Teile. Doch wir wollen unsere Aufmerksamkeit nicht dem ersten, „vorhistorischen'1 Teil widmen, wo — in 23 Kapiteln — die Lebensgeschichte Trotzkfs bis zu der russischen Revolution 1917 gezeichnet wird. Diese Abschnitte seines Lebens haben ihre Bedeutung nur durch den zweiten Teil des Buches, wo die weltgeschichtliche Rolle Trotzkfs zum Ausdruck kommt, erhalten. Ohne diesen zweiten Teil seines Lehens wäre die Biographie Trotzki's ikaum etwas anderes als die gewöhnliche Biographie eines russischen revolutionären Sozialisten. Mehr noch: in seinem vorhistorischen Leben hat Trotzki keine gewaltigen Leiden zu verzeichnen, wie sie so oft die großen russischen Revolutionäre zu ertragen hatten. Trotzki hat nie das Martyrium eines Zuchthauses durchmachen müssen. Er stand nie vor Angesicht der Todesstrafe. Er hat seine Gefängnis- und Verbannungszeiten zufälligerweise wie ein Glückskind verlebt. Dieses Moment ist nicht ohne Bedeutung: denn damit erklärt sich z. T. seine Kälte und erbarmungslose Handhabung des Terrors. Für ihn (wie übrigens auch für Lenin, der auch vom Zuchthaus und Todesstrafe verschont war) war und blieb das menschliche Leid und Leben immer nur ein abstrakter Begriff. Wir wend&n uns dem zweiten Teil des Buches zu, wo Trotzki im Rahmen der großen Revolution wirkte und ihr Schicksal bestimmte. Man liest mit dem größten Interesse darüber, wie er 'von einer glanzvollen Etappe zur anderen schritt. Die Vorbereitung des Oktoberaufstandes, die diplomatische Kampagne in Best-Litowsk, der Aufbau der roten Armee und die Führung der Bürgerkriege — das «sind alles Leistungen, die Trotzki auf die weit sichtbare Höhe der Revolution ©teilten. Dann kommt der Niedergang, der jähe Absturz, die Katastrophe. Und nun entsteht bei dem Leser, am Elride des Bucfhes, die Frage: wie so kam Trotzki überhaupt zmn (Schreiben dieses Buches, d. h. wieso kam er in die Verbannung? Dies-e Frage ist heute die Hauptfrage in dem gesamten Problem Trotzki. Wie war es möglich, daß gerade «er, der so sehr mit den Massen der Revolution verwachsen -zu sein schien, von einer führenden Parteifraktion straflos beiseite geschoben werden konnte? Wie war es möglich, daß Trotzki selbst nichts gegen dieses sein eigenes Schicksal ausrichten konnte? In seinem Buche versucht Trotzki immer wieder zu sagen, daß er in allein Phasen der Revolution alle Schwierigkeiten vorausgesehen und ihre Abwendung tatkräftig vorbereitet hat. Er hat — gegen Lenin! — die Verteidigung von Petrograd gegen den General Judenitsch durchgesetzt. Er hat — gegen Lenin — vor dem Marsch auf Warschau gewarnt. Er hat die Einführung des „Nep" (neuen ökonomischen Politik) — gegen Lenin — noch im Jahre 1920 vorgeschlagen. Wie ist es also zu erklären, daß er sich überhaupt überrumpeln und besiegen ließ durch die „Epigonen", durch die „unfähigen und ehrgeizigen Intriganten" — und zwar in einer Frage, die für den Bolschewik die Hauptfrage ist: in der Frage der Macht, des Maehtbesitzes? Trotzki schildert, wie seine Gegner ihn Schritt für Schritt aus den Machtpositionen ausstießen — und man wundert sich nur über seine grenzenlose Ahnungs- und Kraftlosigkeit. „Er war allein, krank und kämpfte gegen alle" — schreibt seine Frau über das Jahr 1923. — „Wegein der Krankheit L. D.-s. fanden die Sitzungen des politischen Büros in unserer Wohnung statt. Er sprach mit .seinem ganzen Wesen. Und ich hörte dann kalte und seelenlose Antworten. War doch alles im voraus abgemacht. Wozu hatten sie es nötig, sich noch aufzuregen! Jedesmal nach einer solchen Sitzung sprang bei L. D. die Tiecm- 189

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.