Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 6 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ajueh das Proletariat ist „des Hunmelreieihs" nicht sicher, die Kräfte der Zersetzung sind im Proletariat mindestens so wirksam wie im Bürgertum. Es hat aiber die geschichtliche Chance zu gemeinsamer Wirtschaft und zu neuer Gemeinschaft. Jeder Bund, dessen Glieder sowohl dem Bürgertum als auch dem Proletariat angehören, verliert in unserer Zeit die Möglichkeit zur echten Gemeinschaft. Es giibt Ifeeinen klassenlosen Kaum in unserer Gesellschaft, je erwachsener einer wird, desto stärker lebt er in der Klassengesellschaft. Der Bund muß zerbrechen an der Wirklichkeit der Oekonomik. Das heißt nicht, daß der Bund nicht die Vorstellung und den Wunsch nach verbundenem Leben erwecken und erziehen kann. Die Vorstellung und der Wunsch können aber nur verwiriklielbt werden in einem unerbittlichen Kampf gegen unsere Gesellschaft. Der Kampf entwickelt die neue Tugend der Solidarität, einer Solidarität, die noch nicht Geist der neuen Gesellschaft ist, sondern Kampfgenossenschaft. Kampfgenossenschaft des Proletariats, aus der in neuen wirtschaftlichen Formen „der neue Geist" entstehen Ikann. Die Genossen dieses Kampfes verlassen den Bund endgiültig, um lebenslänglich ihre Stellungen zu beziehen. Der Bund wird entleert. Hermann Gerson hat also nicht konkret genug gedacht, wenn er nicht gesehen hat, daß der Weg zur neuen Gemeinschaft nur über den Kampf des Proletariats führt, daß dieser Kampf den Bund zerspalten muß und daß der Bund nur eine Aihnung der neuen Gemeinschaft vermitteln, sie aber nicht selbst 'herbeiführen kann. Es bleibt zu untersuchen, ob wenigstens der Einzelne ein Leben in der Verbundenheit versuchen kann, ob es dem Einzelnen möglich ist, obgleich er im Bürgertum verhaftet bleibt, einen Weg neuer Gemeinschaft zu gehen. Wenn die Frage so gestellt wird, ergibt sich ihre Verneinung von selbst. Als Einzelner kann man nicht den Weg der Verbundenheit gehen, Verbundenheit setzt einen Partner voraus, Verbundeniheit in dem Sinne neuer Gesellschaft setzt viele Verbundene voraus. Der Einzelne, der innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nach einem neuen Leben strebt, kann höchstens innerihalb eines von ihm selbst geschaffenen Gesetzes „anständig" bleiben. Die Normen, die er sich vorschreibt, haben dabei zufälligen Charakter. Weder als Arzt noch als Sozialarbeiter )kann man es z. B. vermeiden, an dem Umredht, das in der ungleichen Verteilung des gesellschaftlichen Produktes liegt, teilzuhaben. Dieses Unrecht ist nicht nur eine ethisöhe Belastung, es ist der Feind jeder echten Beziehung. Diese Auffassung will sich nicht den Kampf um veredelte Lebensformen dadurch ersparen, daß sie sidh vor die Alternative „alles oder nichts" stellt und dabei sieh für nichts entscheidet. Sie will nur davor bewahren, schon einen Zustand der Bemühung als das endgültige Ziel zu bewerten, von Gemeinschaft schon da zu sprechen, wo nur die Verbundenheit von Menschen der gleichen Herkunft und der gleichen sozialen Schicht vorliegt. Um auch hier nicht mißverstanden zu werden: wir unterschätzen den Wert einer solchen befreundeten Sphäre nicht, aber sie ist ikein Zeichen einer neuen Gesinnung. Derselbe Mangel an Koniferetheit ist auch in dem jüdischen Teil cles Bundesprogrammes von Hermann Gerson festzustellen. Die meisten von uns werden ihm darin folgen, wenn er darauf hinweist, daß neben dem Zusammenhange des Blutes eine kulturelle Puaidierung unseres Judeseins notwendig ist. Aber auch diese kulturelle Fundierung scheint uns noch keine ausreichende Gewähr für den 187