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Der junge Jude · 1930-11-01 · Heft 6 (November 1930) · page 12

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 6 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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„Die Hinwendung zum Mitmenschen, das Stiften unmittelbarer Beziehungen an irgendeiner, an jeder möglichen Stelle, das Leben in der Gegenseitigkeit ist ein wichtiges Glied dieses richtigen, erneuerungsträohtigen Lebens." Der Bund der Kameraden soll seine Glieder diese Art des Leherns lehren. Die sinnvolle Gesellschaft soll sich aber nicht auf den Kreis des Bundes beschränken, vielmehr soll „ein ganzes Volk, ein ganzer Kulturkreis dazu gestaltet werden." Hermann Gerson wendet sich dagegen, daß als Weg hierzu nur das politische Mittel gesehen wird. Er erkennt die Notwendigkeit politischer Betätigung, hält sie nur nicht für ausreichend, sondern verlangt, daß auch in die politische Betätigung jene Lebensart verbundenen Lebens eindringe und auch neben ihr ihr Recht behalte. Für einen jüdischen Bund erhebt sich die Forderung des Anschlusses an das jüdische Volk, „den Anschluß an unsere Geschichte zu einer lebendigen gestaltenden Wirklichkeit." Dieser Anschluß ist nicht sicher genug, wenn er nur beruht auf der jüdischen Blutsgemeinschaft; er muß tragfähiger gemacht werden durch die Hinwendung zu den jüdischen kultunellen Gelhalten. Aber auch das gegegenwärtige Schicksal des jüdischen Volkes, besonders seine soziale Not muß uns gegenwärtig sein. Das wichtigste Mittel zur Verwirklichung eines solchen Zieles für junge Menschen innerhalb der jüdischen Gesellschaft erscheint für Hermann Gerson der Bund. Der Bund soll eine Stätte sein, „wo Unmittelbarkeit der Beziehungen verwirklicht wird." In ihm sollen die Generationen nebeneinander stehen, sollen sich insbesondere auch Lebenshilfe auf geistigem und auf praktischem Gebiete leisten. Es ist schwer, an dieser Auffassung von Hermann Gerson über Ziel und Weg eines Jugendbundes Kritik zu üben. Die Schwierigkeit liegt darin, daß die meisten von uns diese Auffassung selbst für ihr eigenes Leben zum Teil als richtig erkannt haben. Die beiden Menschen, die die geistigen Führer für Hermann Gerson auf diesem seinem Wege geworden sind, Martin Buber und Gustav Landauer, haben auch auf die Anschauungen eines großen Teiles von uns die entscheidenden Impulse ausgeübt. Wenn wir dennoch trotz der Uebereinstimmung nicht zufrieden «sind mit dieser Zielsetzung, so liegt das darin, daß trotz des Willens zur Kon)kretheit, der die Ausführungen von Hermann Gerson durchzieht, Ziel und Wieg nicht konkret genug dargestellt werden. Das zeigt sich sowohl in der Auffassung des sozialistischen als auch des jüdischen Zieles. Sicher ist das höchste Ziel soizialistisdher Erneuerung die Schaffung neuer Gemeinschaft. Wir wissen aber, daß erst nach der Aufhebung des Unrechtes der kapitalistischen Gesellschaft neue Formen menschlicher Beziehungen entstehen Ikönnen. Solange die kapitalistische Gesellschaft besteht, sind solche Formen undenkbar. In die letzte Beziehung zwischen zwei Menschen greift unser Wirtschaftssystem ein. Ein Jugendbund, der nach neuer Gemeinschaft strebt, muß notwendig in dem Augenblicke zerfallen, in dem er auf breiter Front dem wirtschaftlichen Leben begegnet. Für jeden Menschen jedes Bundes kommt dieser Augenblick, wenn er in einen Beruf geht. Der Augenblick des Eintrittes in den Beruf und das ganze spätere Leben danach zwingen dem Menschen eine Stellung auf. Diese Stellung ist dadurch bedingt, ob man Bürger oder Proletarier ist. Wer Bürger bleibt, ist ausgeschlossen von der „Seligkeit" eines großen kollektiven Geschehens. Es gibt für ihn nur den Ausweg der Solidarität mit dem Proletariat. Wir wissen, 186

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